|
|
|
|
|
|
| Interview mit "Verlorene Werke" |
Möchten Sie sich einmal kurz vorstellen? Was für einen Menschen sollte man vor Augen haben, wenn man den Namen „Anne Chaplet“ hört? Ich bin, wie ich aussehe, aber ich sehe nicht so aus, wie ich bin. Ansonsten kann man sich einen glücklichen Menschen denken, der tun darf, was er am liebsten macht: schreiben.
Könnten Sie uns eines Ihrer Werke/ das neuste Werk vielleicht in ein paar kurzen Sätzen schildern? „Schrei nach Stille“ ist ein Buch über das Erinnern – und über das Vergessen. Das Erinnern ist nicht immer richtig und das Vergessen ist nicht immer falsch... Es ist die Geschichte einer Frau, deren Gedächtnis trügt und die die Wahrheit erst erkennt, als es zu spät ist. Es ist die Geschichte eines Dorfes, das vergessen will und sich erinnern muß. Es ist die Geschichte des Konflikts zwischen Stadt und Land: hier die Freiheit und die Gefahr, da die Geborgenheit und die Kontrolle. Und es ist die Geschichte einer Überforderung: wie Menschen einander zuviel zumuten.
Auf Ihrer Homepage ist nachzulesen, dass Sie Ihr Werk unter einem Pseudonym verfasst haben. Was genau hat Sie veranlasst dies zu tun? Was sind diesbezüglich Ihre Erfahrungswerte: Sollte man unter Pseudonym oder "richtigem" Namen veröffentlichen? Ich habe ein Pseudonym gewählt, nicht, weil ich mich meiner Krimis schämte - sondern ganz im Gegenteil: weil ich wollte, daß die Krimis wahrgenommen werden, nicht die Person dahinter. Und das ist gelungen: es ist ein verdammt schönes Geschenk, als völlig unbekannte Autorin noch einmal neu anfangen und damit sogar Erfolg haben zu können!
Sie sind promovierte Politikwissenschaftlerin und arbeiteten als Lehrbeauftragte, Redakteurin, als Spiegel-Korrespondentin, Buchautorin, Essayistin, Kolumnistin. Inwieweit fließt dies alles in Ihre Romane ein? Bewegen Sie sich eher und vielleicht lieber in einer Art Mikrokosmos, wie einem Dorf (z.B. in "Schrei nach Stille"), statt auf der "Weltbühne"; sprechen Sie Staatsaffären, politische Intrigen oder Kriegsängste weniger an? Oder ist das mehr als eine Art Abwechlung zu Ihrer vorherigen/ anderen Arbeit gedacht? Lebenserfahrung ist insbesondere für den Kriminalroman nicht die schlechteste Voraussetzung – insofern fließt alles, was ich weiß oder erfahren habe, in meine Romane ein. Doch während der Blick der Wissenschaftlerin und Journalistin von oben kommt und die Strukturen und Abstraktionen erfaßt, arbeitet die Schrifststellerin da, wo das große Verhängnis von Politik und Gesellschaft schmerzhaft aufschlägt: beim Individuum. Ganz subjektiv. Und mit viel Gefühl. Zwar spielen in allen meinen Romanen auch die „Staatsaffären“ eine Rolle – aber die Hauptrolle spielt das menschliche Subjekt.
Sie sind ebenfalls eine große Katzenfreundin, denn: "Katzen sind die besten Freunde der Schriftsteller." Bauen Sie diese Tiere gern in Ihre Romane ein und wenn ja wie? Sind das dann Abbilder realer Tiere, vielleicht die Ihrer eigenen? Welches Tier mögen Sie gar nicht und würden es auch nie in einen Roman einbinden? Ich liebe eigentlich alle Sorten von Viechern, in meinen Büchern treten neben den Katzen auch Hunde und Schweine und Vögel auf. Von meinen Katzen lerne ich Kätzisches – aber die Romankatzen sind nicht ihre Abbilder. Welche Tiere ich nicht mag? Die vermenschlichten. Schafe, Hunde und Teddybären als Romanfiguren mag ich nicht.
Was, glauben Sie, ist das Besondere an dem Genre, in dem Sie schreiben? Könnten Sie sich vorstellen auch einmal in einem komplett anderen Genre zu schreiben? Das Genre Krimi ist spannend, weil das Geschehen plausibel sein muß – deshalb hängt alles von den Personen ab, die der Autor entwickelt. Insofern ist „psychologischer Krimi“ eine Tautologie. Ob ich mir auch etwas anderes vorstellen kann? Schon. Aber nicht richtig.
Krimis sind doch nichts für Frauen... wirklich? Wurden Sie jemals anders behandelt als ihre männlichen Kollegen? Wenn ja, inwiefern? Glauben Sie, dass Männer anders schreiben als Frauen? Nur deutsche Männer kommen auf die Idee, daß der Krimi eine Männersache sei. Weltweit sind es die Krimiladies, die das Genre bestimmen. Die aber schreiben seltener „hard boiled“ und „noir“, wie es womöglich viele Männer bevorzugen, jedenfalls, wenn man nach der deutschen Kritikerszene geht. Doch die Welt besteht nicht nur aus melancholischen, whiskeytrinkenden Großstadtdetektiven. Deshalb spielen die meisten meiner Romane nicht nur, aber auch auf dem Land und unter weitgehend normalen Menschen. Das mögen nicht nur Frauen.
Wie wichtig ist für Sie die Recherche beim Schreiben? Wie recherchieren Sie? Ich recherchiere viel und gern. Ich muß sehen, riechen, anfassen, hören, worüber ich schreibe. Das ist sicherlich die lustvollste Phase des kreativen Prozesses! Die mühevollste Phase ist, die Geschichte aufzuschreiben, die zweitschönste ist, sie ganz zum Schluß so zu striegeln und zu polieren, bis sie glänzt...
Wie viel schreiben Sie in etwa pro Tag? Und wie gehen Sie dabei vor? Planen Sie alles genau oder entwickeln sich Ihre Geschichte beim Schreibprozess selbst? Was fällt Ihnen zum Thema Schreibblockade ein? Ich schreibe in der mühevollsten Zeit nicht mehr als 5 Stunden am Tag und setze mir dabei zehn Seiten zum Ziel. Hinterher bin ich platt. Ich plane einiges, aber nicht alles voraus – es ist einfach wunderbar, wenn es beim Akt des Schreibens zu einer unerwarteten Inspiration kommt! Mein Rat gegen Schreibblockade: weiterschreiben, egal, was. Irgendwann kommt sie, die Idee.
An welchem Ort schreiben Sie am liebsten? Einige dieser Orte kann man auf Ihrer Homepage http://www.anne-chaplet.de/ ansehen; die meisten davon sind offenbar draußen im Freien. Welche Atmosphäre bauen Sie sich dort auf? Haben Sie eine bestimmte Tageszeit, an der Sie besonders gut oder besonders schlecht schreiben können? Ich kann nicht behaupten, daß ich überall schreiben kann. Am liebsten arbeite ich einsam und allein in meinem alten Haus am Rande der Cevennen in der Südardeche und dort auf der Veranda oder der Terrasse. Inspirationen kommen beim Radfahren und beim Wandern – und natürlich bei der alltäglichen Beobachtung! Wann ich am besten schreibe? Trotz aller anderen Versuche: eher nicht vormittags, eher nachmittags bis in den Abend hinein.
Wer gestaltet die Cover Ihrer Romane? Haben Sie dabei ein Mitspracherecht? Wie wichtig ist für Sie persönlich ein ansprechendes Cover, wenn sie ein Buch kaufen? Ich habe bei allen Covern ein Mitspracherecht – das neueste gefällt mir auch wegen des Schriftzugs besonders gut. Die Titel meiner Romane stammen übrigens meistens von mir. Ich kaufe Bücher eher nach der Autorin als nach dem Cover, aber ich weiß, wie wichtig ein guter Blickfang ist.
Wie machen Sie Werbung für Ihr Buch? Wie gestalten Sich Ihre Lesungen? Wann und Wo wird es die nächste geben? Werbung für mein Buch mache ich nicht – vielleicht durch meine Website? Und sind Auftritte beim Hessischen Rundfunk und bei Klassikradio nun Werbung, oder...? Meine Lesungen sind mir wichtig, dort erreicht man sein Publikum am besten. Ich versuche, eine dichte Atmosphöre zu schaffen, erzähle auch schon mal was über meine Arbeit. Ich habe viel Rundfunkerfahrung, das kommt meinem Lesen womöglich zugute.
Wer sind Ihre fünf Lieblingsautoren? Finden sich darunter vielleicht auch Vorbilder? Was lesen Sie zur Zeit? Lieblingsautoren – hmmm, das wechselt. Kate Atkinson ist derzeit ein ganz großer Favorit. Ich hätte gerne mehr von ihrer Leichtigkeit. Von den Klassikern: Dorothy Sayers. Den „Garp“ von John Irving habe ich geliebt, die „Mitternachtskinder“ von Salman Rushdie auch. Und natürlich bin ich ein felsenfester Harry-Potter-Fan – Rowling ist eine großartige Autorin, die ich sehr bewundere. Derzeit entdecke ich die junge irische Autorin Tana French.
Welches Buch möchten Sie nie und unter keinen Umständen geschenkt bekommen und warum? An all meine Freunde und Bekannte: bitte schenkt mir weder Edgar Wallace noch irgendeinen neuen deutschen Mädchenroman!
"Kennen" Sie Ihre Leser, wissen Sie, wer überwiegend Ihre Bücher kauft? Richten sich Ihre Bücher an eine bestimmte Zielgruppe, wenn ja, welche und wenn nein, wem würden Sie Ihre Bücher dann empfehlen? Ich kenne nur die Leser, die ich auf Lesungen treffe oder die mir Mails schreiben – das ist sehr schön und witzig und oft entstehen sogar (Brief-) freundschaften daraus. Für Zielgruppen schreibe ich nicht, ich möchte mich schließlich nicht beschränken! gg
Was sind Ihre gegenwärtigen Projekte? Würden Sie uns einen kleinen Ausblick auf die nächsten Bücher geben? Im Moment stricke ich an einer neuen Geschichte, die ich noch nicht kenne. Und wenn, würde ich sie natürlich nicht verraten!
Was glauben Sie, welchen Stellenwert hat das Buch heutzutage noch? Bücher sind Überlebensmittel. Daran wird auch das E-Book nichts ändern, gegen das ich nichts hätte. Denn der Akt des Lesens bleibt auch da derselbe. Andererseits: es blättert sich schöner in einem richtigen Buch, man kann Eselsohren und Schokoladeflecken hinterlassen ...
Gibt es sonst noch etwas, was Sie dem Leser mitteilen möchten? Alles, was ich dem Leser mitteilen möchte, steht in meinen Büchern. Ihr geheimer Text ist immer: Liebe. Oft: zuviel davon....
Interview mit Soleil am 25. August 2008
_________________
|
|
| Über "Schrei nach Stille" |
|
Das war die Ausgangsidee, das wollte ich beschreiben – wie eine Frau erleidet, was sicher nicht nur mich tief beängstigt.
Sophie Winter ist – genaugenommen – die Hauptfigur des Buches: Wer ist Sophie Winter?
Ein eiserner Schmetterling – so nennt Paul Bremer sie. Eine Frau, die zart wirkt und zugleich nicht nur Haltung, sondern auch Härte besitzt. Sie war Dokumentarfilmerin, ist Bestsellerautorin und hat 1968 als „Summer of love“ erlebt: in einer Dreierkommune erst in Frankfurt, dann auf dem Land. Eine Liebesgeschichte mit dramatischem Ende – und die hat sie aufgeschrieben. Doch sie pflegt in ihrem Roman eine sehr eigene Auffassung von der Wahrheit, höflich ausgedrückt. Weniger höflich: Sie hat sich die Wirklichkeit zurechtgeschrieben. Doch mit dem zunehmendem Schwinden ihres Gedächtnisses taucht paradoxerweise die Wahrheit wieder auf: man stelle sich ein altes Pergament vor, das man abgeschabt hat, um es erneut benutzen zu können, und nun dringt die ausgelöschte Schrift wieder zurück an die Oberfläche...
Sie haben eine ungewöhnliche Art mit Ihren Serienfiguren Karen Stark und Paul Bremer umzugehen. Haben Sie dadurch mehr Freiheiten als in einem klassischen Ermittlerkrimi?
Karen Stark war stets die „Ermittlerfigur“ und Paul Bremer eine Art Katalysator, der zusammenfügt, was Stark oft nicht zusammendenken kann. Denn er ist ein Wandelnder zwischen den Welten: ein ehemaliger Städter, der jetzt auf dem Land lebt und ein Gespür für beide Lebensweisen hat. Er begreift eher als Karen Stark, wenn ein Konflikt sich aus einem tiefen kulturellen Zwiespalt speist wie dem zwischen Stadt und Land, der noch immer tiefer ist als wir annehmen.
Doch da er dabei stets der kühl beobachtende Städter bleibt, haben wir es hier nicht mit provinzieller Gemütlichkeit zu tun. Ich glaube, gerade in „Schrei nach Stille“, im Konflikt zwischen Dorf und städtischer Avantgarde, wird deutlich, wo vor und nach 1968 die Mißverständnisse und Überforderungen lagen. Die antiautoritäre Jugend rief nach Freiheit und Risiko. Die kriegsmüden Älteren und die sorgfältig auf ihr engmaschiges soziales Gefüge achtenden Landbewohnern waren auf Sicherheit bedacht. Entsprechend gering war das Verständnis für die Jugend.
Mit Giorgio DeLange spielt seit langem wieder einmal ein Polizist eine zentrale Rolle. Ist er gekommen, um zu bleiben?
Auf Giorgio DeLange möchte ich unter keinen Umständen mehr verzichten! Karen Stark auch nicht, und das wird sich bereits im nächsten Fall zeigen...
Es stimmt: Ich habe mich oft gescheut, allzu sehr in den Ermittlungsalltag einzutauchen. Er ist für Laien schwer zu durchschauen und für den Leser oft ermüdend – gute Polizeiarbeit besteht schließlich überwiegend aus dem geduldigen Bohren dicker Bretter. Oder aus dem mühevollem Sieben von Flußsand nach ein paar Goldnuggets.
Deshalb ist DeLange kein klassischer Kriminaler; der alleinerziehende Vater zweier halbwüchsiger Töchter arbeitet in der Öffentlichkeitsabteilung des Frankfurter Polizeipräsidiums und ist dort unter anderem fürs Polizeimuseum zuständig. Also auch für angestaubte Akten. In diesem Fall taucht aus den musealen Altlasten ein Fall von ganz aktueller Brisanz auf.
DeLange ist kein verkappter Sozialarbeiter, sondern ein Bulle mit keineswegs nur reiner Weste. Das gefällt mir an ihm.
Der Fall Ihres neuen Buches reicht in den Summer of Love 1968 zurück. Warum ausgerechnet 1968?
Ich gebe zu: ich weiß es nicht mehr ganz genau. Aber als klar war, daß eine Liebesgeschichte eine Rolle spielen würde, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen und einem Mann, und daß Eifersucht im Spiel war, als verbotenes Gefühl, wurde mir klar, daß 1968 das passende Jahr dazu wäre.
1968 war auch für Sie eine wichtige Zeit. Was halten Sie von der aktuellen Debatte?
Ich war damals 17, zählte mich zur antiautoritären Schülerbewegung, reiste im August ins jugendbewegte Prag und war, als kurze Zeit später die sowjetische Armee dort einmarschierte, für den dogmatischen Kommunismus nicht mehr zu gewinnen. Für mich war 1968 der vorläufige Höhepunkt einer aufregenden Zeit, die mit den Beatles und „Radio Caroline“, dem Minirock und Swinging London, also bereits spätestens 1963 begann. Wenn heute die Veteranen der Bewegung erzählen, vergessen sie über den eigenen Heldentaten im Straßenkampf viel zu oft die hedonistischen Seiten der damaligen Zeit, ein Lebensgefühl, das zunächst mit Mode und Musik und mit der Freiheit zum Konsum mehr zu tun hatte als mit Marx und Mao.
Ein Thema Ihres Buches ist auch der Unterschied zwischen dem Leben auf dem Land und in der Stadt. Er wird ganz besonders deutlich im Umgang mit Vergangenem. Warum ist es so wichtig, vergessen zu können?
Ich habe das erst begriffen, seit ich mich mehr und mehr in mein kleines Fachwerkhaus im oberhessischen Vogelsberg zurückgezogen habe. Während es in der Stadt relativ einfach ist, im Konfliktfall seines Weges zu ziehen oder die Menschen zu meiden, die man nicht mag – die sogenannte „Anonymität“ der Großstadt, die ihre unschätzbaren Vorzüge hat – geht das in dörflicher Enge nicht, wo jeder jeden kennt, auch schon deren Eltern und Großeltern. Man muß, will man mit den Nachbarn, der Familie friedlich zusammenleben, Zwist ausblenden.
Meine Generation hatte dafür nie sonderlich viel Verständnis, angesichts der Verdrängung, die wir den in den Nationalsozialismus verstrickten Älteren vorwarfen.
In einem Roman aber geht es um konkrete Schicksale, nicht um das Illustrieren allgemeiner Thesen. Mich beschäftigt beides: nicht nur die Gefahr des Vergessens, sondern auch die Gnade, die darin liegen kann, wie es Theodor Heuss formuliert hat. Mich beschäftigt der Konflikt zwischen beidem. Mich interessiert das Menschenmögliche. Und das, was Menschen überfordert.
|
|
|
|
|
|
 |