Mit kleinen spitzen Pfeilen warf der Schnee das Sonnenlicht zurück. Der Alte stand in der geöffneten Haustür und kniff die Augen zusammen. Die Kristalle glitzerten boshaft blau, die kalte Luft krallte sich schmerzhaft in seine Nase und zunächst konnte er kaum etwas erkennen, weil seine Augen tränten. Der Garten war weiß. Ein dicker, fast makelloser Schneepelz lag auf dem Gemüsebeet, die vertrauten Spuren von Katzenpfoten und Amselkrallen waren nur noch zu erahnen. Am Apfelbaum schwangen die Meisenringe in der eisigen Brise. Auf dem einen schaukelte eine winzige Kohlmeise und pickte im weißen Fett nach den Körnern. Was ihr dabei herunterfiel, würden die Amseln aus dem Schnee scharren, später, wenn ihnen niemand dabei zusah – nur ein einsamer alter Mann hinter der Gardine des Küchenfensters.Die Nachbarn ließen aus ihren Festungen Rauchzeichen in den unnahbar blauen Himmel steigen. Der Alte hatte den Küchenofen noch nicht angeheizt, obwohl der Wetterbericht meldete, dass es sonnig und kalt bleiben würde. Gut so. Er war für jeden weiteren frostigen Tag dankbar. Außerdem fror er auch, wenn der Ofen glühte. Er hatte beschlossen, den eisigen Wind einfach durch sich hindurchzulassen. Sich der Kälte öffnen – das war das Einzige, was half.
Der schwarzweiße Kater, der neben ihn geschlichen war und sich an sein Bein lehnte, gähnte ausgiebig, reckte und streckte sich und stakste dann vorsichtig los, über den Gartenweg, auf dem der Schnee nicht ganz so hoch lag. An der kleinen Mauer vor den Johannisbeersträuchern verharrte er, sammelte sich und sprang mit mutiger Entschlossenheit aufs Gemüsebeet. Der Alte kannte das Spiel: Das Tier sackte tief ein in den Schnee, sprang wie angestochen wieder hoch und raste weißbepudert zurück zum Haus, wo es eine Pfote nach der anderen sorgfältig ausschüttelte.
„Alter Feigling“, sagte er liebevoll, beugte sich hinunter und kraulte dem Kerl den Nacken. Der Ausflug in die feindliche Welt schien das heldenhafte Tier alle Kraft gekostet zu haben, es drängte sich an ihm vorbei zurück ins Haus. Er würde es unter dem Daunenbett im Schlafzimmer wiederfinden. Aber das machte nichts. Heute nicht.
Der Mann zog die Haustür hinter sich zu und ging hinüber zum Schuppen. Mit Fäustlingen an den Händen und der Schneeschaufel kam er zurück. Das Einzige, was ihn an kalten Wintern mit reichlich Schnee störte, war die Arbeit, die man damit hatte. Hier im Dorf legte man großen Wert auf gekehrte Wege, immer war jemand am scharren und schieben, kaum waren ein paar Flöckchen gefallen. Er nahm es damit nicht ganz so genau, aber in der Nacht hatte es ausgiebig geschneit, und wenigstens den Weg durch den Garten nach draußen sollte man trockenen Fußes begehen können.
Blödsinn!, sagte die innere Stimme, mit der er zu leben gelernt hatte. Was brauchst du noch trockene Füße! Erwartest du vielleicht Besuch? Den Briefträger mit dem Lottogewinn?
Unwillig schüttelte er den Gedanken ab und schob mit der Schaufel eine schmale Furt durch den Schnee auf dem Gartenweg. Das musste reichen, seine restliche Kraft brauchte er für die Straße. Räumfahrzeuge kamen nicht ins Dorf, schließlich war die Hauptstraße nicht „verkehrswichtig“, wie man das in der Gemeinde nannte. Der Schnee auf der Fahrbahn war von den Autos und Traktoren festgefahren worden und niemand, der nicht gut zu Fuß war, wagte sich auf die pissgelbe Eisdecke. Sie wurden immer mehr in diesem aussterbenden Kaff. Bald würde es noch einen Bewohner weniger zählen.
Der Alte war am Gartentor angelangt und stützte sich schwer atmend auf den Schneeschieber. Der Pfad für die Fußgänger neben der Fahrbahn, den sie alle täglich freischaufelten, verschwand fast unter einem Schneewall. Einen Bürgersteig gab es nicht, wozu auch? Er erinnerte sich noch an die Zeit, als die Straße Sandpiste oder Schlammwüste war und nicht den Autos, sondern spielenden Kindern, Schweinen und Kühen, den Pferdefuhrwerken von Christians Vater und der Gänseherde von Rosies Mutter gehörte.
Sollte nicht Christian auch mal wieder kehren? Der Alte blickte hinüber zum Dreiseitenhof des Nachbarn. Über dem Dach stand keine Rauchfahne, Christian hatte offenbar auch noch nicht angeheizt. Er schien noch gar nicht draußen gewesen zu sein – nicht eine Fußspur führte über den Hof oder gar aus ihm hinaus.
Der Alte murmelte Verwünschungen und tappte zum Gartentor hinaus, vorbei am Vorplatz, wo früher der Misthaufen gewesen war und später, als sie noch keine Garage gebaut hatten, das Auto stand. Jetzt türmte sich hier der Schnee, den er in den letzten Wochen zusammengekehrt hatte. Der frisch überpuderte Haufen war immer größer geworden und erinnerte mittlerweile an eine Art Mausoleum. An eine alabasterne Gruft, wie er sie auf dem jüdischen Friedhof in Breslau gesehen hatte. Ganz so prächtig war ein Schneehaufen natürlich nicht, es fehlten die weinenden Engel mit den trauernd gefalteten Flügeln. Macht nichts, dachte er. Wer braucht das schon.
Breslau. Das war die letzte Reise mit Rosie gewesen. Ihre Vorvorfahren kamen daher, was für ihn kein Grund gewesen wäre, eine Reise in die Vergangenheit anzutreten, man hätte auch an beschaulichere Orte reisen können, das Geld dafür hatten sie seit Jahren gespart. Aber Rosie war schon damals krank gewesen, und er hätte alles für sie getan. Er hatte alles für sie getan.
Er hätte sie und den Rollstuhl auch über sämtliche Friedhöfe Breslaus geschoben, aber viel gab es nicht mehr zu sehen, die Friedhöfe der Deutschen waren nach 1945 fast alle verschwunden. Warum, hatte er den Mann nicht zu fragen gewagt, der sie auf dem Jüdischen Friedhof auf Deutsch angesprochen hatte.
Dort hatten sie die marmornen Grabstätten mit den weinenden Engel gesehen. Er hatte Rosie die Namen vorgelesen, soweit er sie entziffern konnte. Pringsheim und Schottlaender und Lassalle, an deren Familiengräber erinnerte er sich noch. Aber sie hatten keinen Namen gefunden, der Rosie vertraut gewesen wäre. Schonmal gar nicht an den prächtigen Grabstätten reicher Leute.
Hier auf dem Dorffriedhof war alles schlicht und bescheiden. Ihr Grab war das schlichteste von allen. Kein Efeu, keine Thuja, kein Grablicht. Nur eine Granitplatte, die sie noch gemeinsam ausgesucht hatten, das wollte sie so. Rosemarie Strahl, geb. Conitz, 1933-2009, war in die Platte eingraviert, ganz ohne Schnörkel, darunter sein Name mit dem Geburtsjahr. Platz für die Namen von Nachfahren war nicht vorgesehen, sie hatten keine. Mit ihm würde die Familie Strahl aussterben. Rosies Zweig der Conitz endete mit ihr.
Er vermisste sie. Dabei hatte er viel Zeit gehabt, sich an den Gedanken zu gewöhnen, allein zu sein. Sie war eine Ewigkeit krank gewesen, bevor sie in den letzten Tagen des vergangenen Jahres gestorben war. Vor 16 Tagen – nein, korrigierte er sich. Vor 17 Tagen, an einem Sonntag. Lächelnd, ihre Hand in seiner. Am Abend, als es zu schneien begann.
Der Alte schob den Schneeschieber durch die Gasse für die Fußgänger. Silvia hatte ihren Abschnitt natürlich längst gekehrt, Karlheinz seinen auch. Nur Christian nicht, der doch sonst immer der Erste war. Saubermachen, Ordnung halten – das konnte Christian. Jedenfalls heute, im Alter, seit er wieder zurück war auf dem Hof der Eltern. Früher war er für anderes bekannt gewesen. Für sein Auto, das erste, das man hier nach dem Krieg zu sehen bekommen hatte, das kein Traktor war. Ein VW Cabrio mit garantiertem Erfolg bei den Mädels. Und für seine Abenteuer in der großen weiten Welt. Der alte Angeber.
Christian geht’s nicht gut, hatte Karlheinz gestern erzählt. Kam wohl über den Verlust seines Hundes nicht hinweg, der seit Tagen verschwunden war.
Der Alte stützte sich auf die Schneeschaufel und nickte vor sich hin. Das konnte man verstehen. Doch. Gewiss. Das konnte man. Und … Vielleicht hatte Christian auch – Angst? So ohne seinen Wachhund?
Er atmete tief ein und wieder aus. Kurzatmig war er geworden. Seit er Rosie nicht mehr versorgen musste – seit er nicht mehr täglich Holz hackte – seit er nicht mehr mit dem Fahrrad Einkaufen fuhr – seit sie nicht mehr da war, mit anderen Worten, ging es bergab.
Müde kehrte er den Schnee zusammen, nahm ihn auf die Schaufel und warf ihn auf den Schneeberg. Wenn es taute – wenn es jemals wieder taute – würde sein Schneemonument am längsten brauchen, bis es wieder zu Wasser geworden war.
„Soooviel Schnee!“ Eine Stimme hinter ihm. Der Alte drehte sich um. Ein Mädchen stand da, ein Kind noch, dachte er, mit Puppenwagen. Aber das Kind hatte schon selbst ein Kind, beugte sich hinunter zu einem strahlenden blonden Pummelchen und rief: „Schau mal der viele Schnee! Was da wohl drunter ist?“
„Da!“, rief das kleine Wesen und streckte die Fäustchen aus. „Da!“
Er lächelte das blonde Engelchen an. „Die Schneekönigin wohnt hier. Das ist ihr Palast.“
Das Kind machte große runde Augen und steckte sich ein Fäustchen in den Mund. Die Mutter lächelte zurück und zog weiter.
Was liegt da wohl unter dem vielen Schnee?, dachte der Alte. Jaja. Wer will das wissen.
Soweit er sich erinnerte, wurde jedes Jahr nach der Schneeschmelze der gleiche Mist durchs Dorf gespült. Bierdosen, Tempotaschentücher, Kondome, die Reste von Silvesterraketen, Kinderspielzeug, verlorene Handschuhe. Und kein einziger Kristall aus dem Kleid der Schneekönigin.
Ihm war wieder kalt. Er schloss das Gartentor hinter sich, schlurfte zum Schuppen und stellte Schneeschieber und Schaufel an ihren Platz. Dann kehrte er ins Haus zurück, legte die nassen Handschuhe auf den kalten Ofen und ging in die Küche.
Der Kühlschrank war leer. Die Butterschale mit einem letzten Rest Butter und ein Glas Orangenmarmelade, von der Sorte, die Rosie liebte, standen auf der Anrichte. Im Brotkasten war noch ein Kanten Brot, grobes dunkles Vollkornbrot, das schmeckte auch noch, wenn es schon trocken war. Er schnitt sich zwei Scheiben ab, bestrich sie dünn mit Butter und Rosies Marmelade und nahm den Teller mit hinüber zum Tisch.
Er setzte sich auf den Stuhl, auf dem er immer saß. Der Platz gegenüber, wo früher Rosies Rollstuhl stand, war leer, aber ihr Kaffeebecher stand noch auf dem Tisch, den hatte er nicht abgeräumt. Der würde da stehen bleiben, solange er lebte.
Er nahm einen Bissen und kaute, langsam, behutsam, die Zähne waren nicht mehr die besten, außerdem war das gut für die Verdauung, wenn man lange und gründlich kaute. Sagte Rosie. Hatte ihr Arzt gesagt. Seine Hand zitterte, als er das Brot wieder auf den Teller legte. Alles zittert, dachte er. Die Hand, das Herz. Die Seele.
Nachdem er gegessen und den Fressnapf des Katers gefüllt hatte, zog er die dicke Jacke an und machte sich auf den Weg.
Unter den Stiefeln knirschte der Schnee. Auf dem Weg hoch zum Wäldchen schmerzte seine Nase in der beißenden Kälte. In der Ferne ragten Windräder bewegungslos in den blassen Himmel. Auf dem Schnee die Spuren von Hasen, Rehen und Krähen, schon fast wieder verweht. Die Landschaft wirkte wie in Unschuld gekleidet.
Der Schnee deckt alles zu, dachte der alte Mann. Das Gute und das Böse.
Als er aus dem Wäldchen auf die Anhöhe hinaustrat, breitete sich vor ihm ein blendend weißes Tuch über die Landschaft, bis zum Horizont. Ein Leinentuch. Ein Leichentuch. Auf der anderen Seite des Tales stand ein Rehbock und schien zu ihm herüberzusehen. Zwei Krähen flatterten einem Greifvogel hinterher, noch ohne die Angriffslust, die sie im Frühjahr zeigten. Und auf der Koppel vor ihm hatten sich Maulwürfe durch die Schneedecke gewühlt und dunkle Erdhaufen ins Weiß geschaufelt.
Kein Hund bellte, keine Kirchenglocke läutete, kein Auto kam vorbei. Über den Häusern im Dorf standen die dünnen weißen Rauchsäulen fast senkrecht. Kein Traktor röhrte, kein Kind schrie. Selbst die Meisen, die in der Hecke mit den Schlehen und Wildrosen hausten und lärmend aufstiegen, wenn man sich näherte, schienen eine Schweigeminute eingelegt zu haben. Und dann erklang die Feuerwehrsirene. Es war ein ferner, fast sehnsuchtsvoller Ton, in den sich die Sirene ein Dorf weiter hineinschmiegte.
Der Alte blieb stehen und lauschte. Christians Hund hatte immer geheult, wenn die Sirenen ertönten. Er hatte geheult, wenn die Kirchenglocken läuteten. Wenn Rosie das Morgenkonzert im Radio hörte und das Fenster geöffnet hatte. Wenn sie mit dem Rollstuhl an seinem Zwinger vorbeifuhr.
Heute gab es kein Geheul. Heute herrschte Totenstille.
Und so still würde es bleiben, wenn man das Totenglöckchen läutete. Für mich, dachte der Alte.
Drei Tage später schlug das Wetter um. Der Kater spürte es als Erster. Er raste vor die Haustür, die der Alte gerade abschließen wollte, wie immer, wenn es nach sieben Uhr war, trat von einem Bein aufs andere, wagte sich vorsichtig vor, tupfte die Vorderpfote in eine Schneewehe, stieß ein ungeduldiges Quarren aus und streckte die Nase in die Luft. Eine Windbö fegte über das Gemüsebeet. Der Alte bückte sich und griff in den Schneepelz. Er war schwer und nass. Am Himmel rasten die Wolken vor einem blendenden Mond.
Er grüßte hinauf und ging zurück ins Haus. Bei einem heißen Tee lauschte er auf das Knacken der alten Balken und Dielen des Hauses, dachte an Rosie und ihre letzten gemeinsamen Monate und ging endlich ins Bett.
Er schlief unruhig. Der Sturm wiegte das Haus und irgendwann hörte er Regen fallen. Als er am nächsten Morgen die Haustür öffnete, glitzerte der Schnee ihm nicht mehr entgegen. Der Pelz war matt und dünn geworden und lag glasig unter einem bleigrauen Himmel. Zwei Meisen flogen von den Futterringen auf und hockten sich schimpfend in den Apfelbaum. Das Gemüsebeet trug schmutziggraue Flecken im Weiß. Der Alte tastete sich durch den Schneematsch vor bis zum Gartentor. Das Heim der Schneekönigin stand noch, aber nur noch als bescheidene Unterkunft für schlechte Zeiten. Braunes Wasser stürzte durch den Rinnstein neben der Straße in den Gully, vor dem sich eine zerquetschte Cola-Dose, ein Kinderstrumpf, die Reste einer toten Ratte und mehrere Cellophanhüllen von Zigarettenschachteln angesammelt hatten.
Es wird Zeit, dachte der Alte. Der Schnee schmilzt und alles kommt ans Licht. Das Gute und das Böse. Das Gute – das sind die Knospen der Schneeglöckchen und der Krokusse, die sich unter der Schneedecke geschützt gefühlt und an die Oberfläche vorgekämpft hatten. Und das Böse …
Der schwarzweiße Kater rieb sich schnurrend an seinem Bein. Der Alte versuchte, sich hinunterzubeugen, um den Kerl zu streicheln. Auch das fiel ihm immer schwerer.
Es ist Zeit, dachte er.
Er füllte den Napf des Tieres mit einer doppelten Portion. Dann öffnete er die letzte Dose weiße Bohnen und erhitzte sie auf dem Küchenherd. Er aß im Stehen, blies auf jeden Löffel, bevor er ihn in den Mund schob und andächtig kaute.
Wie wollen wir es nennen, dachte er. Gnadenbrot oder Henkersmahlzeit?
Er reinigte den Topf unter fließendem Wasser und trug die leere Dose zur Mülltonne. Dann holte er den Rucksack aus dem Schlafzimmer, den er am Tag nach Rosies Tod gepackt hatte.
„Es taut! Na endlich! Ich war es langsam leid!“ Silvia nickte ihm zu, als er, in der warmen Jacke und mit dem Rucksack auf dem Rücken, auf die Straße trat, wo sie mit Karlheinz stand und schwätzte. „Bis nächsten Dezember will ich keinen Schnee mehr sehen.“
Karlheinz murmelte etwas, das wie „mach dir keine Hoffnung“ klang.
„Hat jemand Christian gesehen?“, fragte der Alte.
Silvia zuckte die Schultern. „Der spinnt mal wieder.“
„Naja …“ Karlheinz kratzte sich unter dem Anglerhütchen, das er zu jeder Jahreszeit auf dem Kopf trug. „Er glaubt, dass ihm jemand was Böses will. Weil Peppino verschwunden ist.“
„Er ist der festen Überzeugung, dass jemand den Hund aus dem Weg geschafft hat“, sagte Silvia. „So ein Quatsch. Der ist weggelaufen und hat nicht mehr zurückgefunden. So dumm wie der Köter ist.“
„Dass ihn jemand geklaut hat, kann man wohl ausschließen. Wer will die hässliche Töle schon?“, sagte Karlheinz und imitierte Christians Näseln: „’Ein echter Mastino Napoletano. Ein Rassehund’.“
„Und soooo gefährlich.“ Silvia lachte. „Dabei musstest du ihm nur eine vergammelte Fleischwurst hinhalten, und er kam wie ein Lämmchen angehechelt.“
„Christian glaubt, dass einer hinter ihm her ist. Weil er seit Tagen seine Schneeschaufel vermisst und das Auto nicht anspringt.“
„Soso“, murmelte der Alte.
„Und das Telefon nicht funktioniert. Angeblich. Dabei kennt Christian wohl kaum noch jemanden, der freiwillig mit ihm telefoniert.“ Karlheinz zuckte mitleidlos die Schultern.
„Vielleicht sollte man mal nach ihm schauen – was ist, wenn er nichts mehr zu essen hat?“
„Komm, Silvia. Ein paar Kilo weniger schaden dem alten Sack gar nicht, oder, was meinst du, Wolf?“
Der Alte lächelte und nickte zustimmend und hob die Hand zum Abschiedsgruß. Die lieben Nachbarn. Man konnte sich auf sie verlassen. Wer in diesem Dorf den Schaden hatte, brauchte für den Spott nicht zu sorgen. Aber auch er spürte kein Mitleid. Ganz im Gegenteil.
Und dann machte er sich auf den Weg nach oben, auf den Berg, dorthin, wo der Schnee noch eine Weile länger liegen würde.
Nach vier Stunden schmerzte jeder Schritt. Er keuchte bei jedem Atemzug, den seine brennenden Lungen taten. Aber er fühlte sich gut. Er sah und hörte und spürte alles so intensiv wie nie zuvor. Jeder Augenblick war unendlich kostbar geworden. Er war sich noch nicht einmal mehr sicher, ob er früher oder später ankommen wollte.
Aber ich komme, dachte er. Das jedenfalls ist gewiss.
Je höher er stieg, desto dichter wurde das Schneetreiben. Hinter sich hörte er Motorengeräusch, wie aus großer Ferne. Nach einer Biegung sah er weit unter sich den Lichtkegel von Scheinwerfern, die eine weite weiße Fläche streichelten. Und irgendwann war er eingehüllt von taumelnden Kristallen, die sich auf seine Wimpern und Augenbrauen setzten, als ob sie ausruhen müssten. Eintauchen in die weiße Wand. In das Reich der Stille.
All die Jahre hatte Rosie geschwiegen. Erst kurz vor ihrem Ende hatte sie fast beiläufig erzählt, was damals geschehen war, damals, als sie nach monatelanger Abwesenheit ins Dorf zurückgekommen war. Aus der Stadt. Schick hatte sie ausgesehen mit den hohen Absätzen und den durchsichtigen Strümpfen und dem Hut auf den Haaren, die sie ganz anders trug als die anderen Mädchen. Sie war so schön gewesen, dass er gestottert hatte, als er sie das erste Mal aufforderte beim Tanz in den Mai.
Der Alte blieb stehen und holte tief Luft. Atmen. Als ob es das erste Mal – oder das letzte Mal wäre. Um ihn herum flüsterte es. Es war, als ob alles mitatmete: der Wald. Der Schnee. Die Welt. Der Allmächtige.
Er hatte keine Chance gehabt bei ihr, natürlich nicht. Eine Zeitlang hatte es geheißen, Christian sei der Glückliche.
Der Alte atmete zischend aus und setzte sich wieder in Bewegung, noch höher hinauf durch den verschneiten Wald, durch den auffliegenden Schnee, der sich kühl auf sein brennendes Gesicht setzte. Er ging geräuschlos. Er ging spurlos. Er hatte seine Erdenschwere verloren.
„Ich bin froh, dass es so gekommen ist“, hatte sie geflüstert, seine Hand in ihren zarten, schwachen Vogelfingern. „Froh über die Jahre mit dir.“
Er hatte sich sein Leben lang über das unverschämte unwahrscheinliche Glück gewundert, dass Rosie ausgerechnet zu ihm finden und sogar bei ihm bleiben sollte. Das Einzige, was ihnen fehlte, waren Kinder. Nicht ihm, ihm genügte sie. Aber sie hatte darunter gelitten, dass sie keine bekommen konnten. Sie hatte sich die Schuld gegeben. Und jetzt wusste er, warum.
Christian hatte seinen Spaß mit ihr gehabt und sie dann sitzenlassen. Er war gegangen und hatte ihr noch nicht einmal das Geld für den Kurpfuscher gegeben.
Aus dem Schneetreiben lösten sich die Konturen des Kreuzes, das oben auf dem Berg stand. Der Alte taumelte darauf zu und ließ sich vor ihm in den Schnee sinken. Er lehnte den Kopf an das steinerne Fundament, schloss die Hände um die Knie und wiegte sich vor und zurück. So weiß. So weich. So soll es sein.
„Eigentlich“, hatte Rosie gesagt, „eigentlich müssten wir ihm sogar dankbar sein, findest du nicht?“
Sie hätte nie verstanden, warum dieser Satz ein ganzes Leben zerstörte. Seines. Die Vorstellung war unerträglich, Christian sein Glück zu verdanken. Ein Glück, das einem wie ihm nicht zustand. Rosie hatte keine gute Partie gemacht mit Wolf Strahl. Rosie, die alle hätte haben können. Aber die niemand mehr wollte, nachdem Christian sie gehabt hatte.
Es war gut, dass sie vorangegangen war.
Der Alte schloss die Augen und versuchte ein letztes Mal den Traum zu träumen, der ihn nun schon sechzig Jahre begleitete. Aber vor dem Tor zum Traum stand ein Wächter, der ihn nicht hineinließ.
Wenigstens war Wolf das erste Mal seit Rosies Tod wieder warm.
„Woran das Vieh gestorben ist? Keine Ahnung.“ Karlheinz schob die Schaufel des Frontladers unter die schmutzigbraune Leiche des Hundes. „Jedenfalls liegt der Kadaver schon seit mehr als drei Wochen hier. Seit Beginn des Schneefalls, schätze ich.“
„Ausgerechnet vor Wolfs Grundstück.“ Silvia schüttelte den Kopf. „Dabei konnte er Peppino nicht ausstehen.“
„Er wird ihn ja wohl nicht umgebracht haben, nur weil er immer heulte, wenn’s am schönsten war.“ Karlheinz ließ die Schaufel mit der Hundeleiche hochfahren.
„Nein, natürlich nicht, aber ...“
Karlheinz sah hinunter in ihr zweifelndes Gesicht. „Silvia“, sagte er leise. „Christian hat sich mit Sack und Pack aus dem Staub gemacht. Gut, dass er wieder weg ist. Möge er seinen Lebensabend in irgendeinem Seniorenmausoleum am Tegernsee verbringen. Hauptsache, er ist mir aus den Augen. Der Kerl war falsch wie die Nacht. Und was Wolf betrifft ...“ Karlheinz lud die tropfende Hundeleiche auf den Anhänger. „Der hatte andere Sorgen. Der wollte nach dem Tod Rosies nicht mehr leben. Sie war alles, was er hatte.“
Ein Jäger hatte den Alten in den frühen Morgenstunden gefunden, gegen das Bergkreuz gelehnt. Gottlob nicht zu früh.
Als man Wolf auf dem Dorffriedhof beerdigte, hatte der Steinmetz aus dem Nachbarort den schlichten Granitstein für das Urnengrab bereits wieder zurückgebracht. Unter „Rosemarie Strahl, geb. Conitz, 1933 - 2009“ stand jetzt „Wolf Strahl, 1928 – 2010.“ Silvia wunderte sich über die schnelle Arbeit. Wolf musste die Gravur schon vor seinem Tod in Auftrag gegeben haben.
Sie bückte sich, um die weiße Orchidee auf die Urne zu legen, die sie ihrer Schwiegermutter abgeschwatzt hatte, deren ganzer Stolz ihre Orchideensammlung war, die sie im Schlafzimmer hegte und pflegte. Dabei fiel ihr Blick auf den Grabstein und die sehr viel kleineren Zeichen unter den Namen von Rosie und Wolf.
„Eternitas“, stand da. „Empfangen und gestorben 1951“. Und daneben, ganz winzig, eine Gestalt.
Ein weinender Engel.
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