Margaret's Hope
 
Leonore lehnte sich in die weichen Polster des Caféhaussessels und räkelte sich. Die Sonne schien, am Himmel nur freundliche Schäfchenwolken, und die Bedienung hatte sie angelächelt, als sie ihr die Karte brachte, die nun schon seit einer ganzen Weile aufgeschlagen vor ihr lag, während sie tagträumte.
Sie saß allein im Wintergarten des romantischen kleinen Hotels. Leonore lächelte in sich hinein. Noch war sie allein. Sie genoß ihre Einsamkeit intensiv, sie wußte schließlich, daß es damit heute abend vorbei sein würde – für ein ganzes, wunderbares, verstohlenes, gestohlenes Wochenende. Vielleicht auch für mehr.
Nach einem tiefen, wohligen Seufzen senkte sie endlich den Blick auf die Karte. Das Angebot war so erlesen wie das Ambiente. Vier Kaffeesorten und acht verschiedene Zubereitungsweisen. Fünf unterschiedliche Arten von Mineralwasser. Und dann der Tee, eine, nein: zwei Seiten: Darjeeling Hochgewächs. Gold vom Himalaya. Was für Namen. Was für Sorten. Das würde ihm gefallen – es hatte so etwas Kultiviertes.
„Herr und Frau Dr. Weiland.“ Sie hatte die kleine Lüge bei der Anmeldung genossen. „Mein Mann kommt später.“
„Natürlich, Frau Weiland.“ Auch die Frau an der Rezeption hatte gelächelt. Was für ein gutes Gefühl.
„Was darf ich Ihnen bringen?“ Die Bedienung war nahezu lautlos in den Wintergarten geschwebt, dabei hatte Leonore sich noch gar nicht entschieden. Sie würde Tee trinken, natürlich. Irgendeine dieser fabelhaften Sorten, von denen sie noch nie gehört hatte. Nagri. Sungma. Selimbong. Ob man den Unterschied wirklich schmeckte? Leonore fuhr mit dem Finger die Liste ab. Auch den Preisunterschied? Feinste Sommerernte. 5-Uhr-Tee. Darjeeling Rarität.
„Dürfte ich Ihnen vielleicht etwas empfehlen?“
Die Bedienung hatte glänzende schwarze Haare und sah exotisch aus. Woher sie wohl kam? Aus Indien, dachte Leonore, wie der Tee. Sie lächelte zurück und nickte.
„Dann würde ich sagen...“ Die Bedienung tippte auf einen mittelteuren Tee. „Nehmen Sie unseren Upper Fagu. Diese Frühlingspflückung ist wirklich etwas ganz besonderes.“
Eine gehaltvolle, goldgelbe, spritzig-aromatische Tasse, las Leonore in der Karte. Mit vielen weißen Tips – was immer das war.
„Upper Fagu liegt etwas abgelegen, im Südosten der Darjeelingberge“, sagte die Bedienung. „Sehr schön ist auch unser Oodlabari. Ein blumiger Tee mit einem leicht würzigen Charakter, aus der Provinz Dooars, das ist die Gegend zwischen Assam und Darjeeling am Fuß des Himalaya.“
Leonore wollte schon ergeben nicken. Ihr war alles recht. Sie war schließlich nicht für Nachhilfestunden im Teetrinken nach Hirschberg gekommen, und blumig oder spritzig war ihr im Grunde völlig egal, sie hatte lediglich die Absicht, sich ein wenig die Zeit zu vertreiben, um später, nach einem Dinner bei Kerzenlicht, eine heiße Nacht zu verbringen. Mit Frank, auch Dr. Weiland genannt, dem schönsten Mann der Strafkammer am Landgericht Frankfurt am Main, der alles hatte, was sie an einem Mann unwiderstehlich fand. Es gab überhaupt nur einen Haken an diesem Prachtexemplar, und das war seine Ehefrau. Margareta Weiland. OStAin Dr. Margareta Weiland.
Ihr Blick heftete sich wieder auf die Karte mit all den TGFOPs und SFTGFOPs, blumig, würzig, malzig, spritzig, vollaromatisch und gehaltvoll. Sie merkte, daß die Bedienung ungeduldig wurde und wollte schon entschuldigend aufsehen und „Was immer Sie vorschlagen“ murmeln. In diesem Moment sah sie ihn, Seite zwei, ganz unten, den teuersten von allen, einen Darjeeling second flush FTGFOP1, was immer das hieß – ausgereift, blumig-aromatisch mit goldbrauner, gehaltvoller Tasse, „entfaltet ein nussig-rundes Muscatel-Flavour“, murmelte sie und tippte mit dem Finger auf den Namen.
„Margaret’s Hope“, sagte die Bedienung fast andachtsvoll. „Unser Bester.“
Margaret’s Hope. Margaretas Hoffnung. Leonore lächelte in sich hinein. Was für ein Fingerzeig, nein: was für eine Ironie des Schicksals! Margareta Weiland hatte, wenn es nach Leonore Marx ging, Ass. jur. am Amtsgericht in Gießen, gar nichts mehr zu hoffen und nur noch wenig zu erwarten. Diese Tasse würde sie bis zur Neige leeren. Mit TGFOP.
„Und dazu...“
„Vielleicht ein wenig kandierter Ingwer? Das ist ein ganz besonderes Geschmackserlebnis!“ Die Bedienung verbeugte sich fast vor Leonore.
„Nein! Lieber Nußecken!“ sagte Leonore und schlug die Karte zu.
Der Tee kam in einer strahlend weißen Porzellankanne, begleitet von einer Schale Gebäck und einem Stövchen, daneben eine Glasröhre mit einer Taille, Leonore kam erst nicht darauf, was das war: eine Sanduhr. Wirklich und wahrhaftig. Die Bedienung wartete, bis der feine Sand von der oberen in die untere Kammer gelaufen war und zelebrierte dann das Entfernen des porzellanenen Teefilters und das Einschenken, als ob sie einen alten Rotwein dekantierte. Leonore starrte fasziniert in die Tasse aus dünnem Porzellan und blähte die Nüstern. „Muscatel-Flavour“, murmelte sie, als die Bedienung gegangen war. „Nussig und rund. Eindeutig FTGFOP.“ Dann setzte sie die Tasse an. „Auf dein Wohl, Margareta!“
Laß alle Hoffnung sausen. Er ist mein, dein Frank.
Leonore lehnte sich in die weichen Sesselpolster, sah einem Kastanienbaum auf dem kopfsteingepflasterten Platz vor dem Hotel beim Blühen zu und träumte vom Glück.
Was würde sie anziehen, heute abend? Das tiefgeschlitzte kleine Schwarze? Oder das weiße Seidentop zu der schmal geschnittenen Hose? Sie hatte den Koffer geöffnet auf dem Bett stehen lassen. Sollte sie vorher noch baden? Sich schminken? Dezent, wenn überhaupt. Er mochte es nicht, wenn sie zu stark geschminkt war. „Das hast du doch gar nicht nötig“, hatte er ihr gesagt, nach dem ersten Mal. „In deinem Alter.“
Männer. Sie kennen die kleinen Tricks nicht, mit denen Frauen sich unwiderstehlich machen. Andererseits – Leonore hätte fast schadenfroh gegrinst: Viele Frauen kannten sie auch nicht. Margareta etwa, Frau Dr. Weiland. Sie trug einen viel zu roten Lippenstift, der machte den Mund schmal. Und man sah jedes der vielen kleinen Augenfältchen unter dem nicht sehr geschmeidigen Makeup. Eindeutig nicht FOP, weder TGF noch SFTG.
Leonore schloß die Augen. Sie sah sich die Treppe hochsteigen zu ihrem Zimmer. Zu unserem Zimmer, dachte sie. „Aaaaja, die Suite“, hatte die Frau an der Rezeption nach einem Blick ins Hotelregister gesagt. „So, wie Sie es bestellt haben, Frau Weiland. Frau Doktor Weiland.“
Nein, sie ging nicht hoch, sie lief, leichtfüßig, mit lautlosen Schritten auf dem weichen Teppichläufer. Im großen Spiegel auf dem Treppenabsatz sah sie ihr Haar schimmern, sie winkte ihrem Spiegelbild zu, während sie vorbeilief. Zimmer 38. Zimmer 37. Zimmer 36. Sie blieb stehen, um Luft zu schöpfen und den Moment auszukosten. Zimmer 35. Sie ging jetzt ganz langsam. Zimmer 34. Jetzt machte der Flur einen Knick, um sich zu öffnen: hier standen zwei gemütliche dicke Sofas vor einem Kamin. Und gegenüber – gegenüber war die Tür zu Zimmer 33. Die Suite.
Erst der Vorraum. Rechts ein großer Einbauschrank. Links das WC. Dann, in der Mitte, die Flügeltür zum Salon. Ein Sofa, zwei Sessel, ein Glastisch. Eine Schale mit Obst, eine Vase mit Rosen. Gegenüber eine breite Fensterfront, in der Mitte die Tür zum Balkon, mit Blick auf die Berge, so hatte es im Prospekt gestanden und so hatte sie es gewollt. Rechts führte eine Tür ins Schlafzimmer. Schlafen? In diesem Raum? In diesem Bett?
Nein, sie wollte wachsein mit allen Sinnen. In diesem Lustzimmer. In ihrem Liebesnest. In einem weißen, duftenden Traum. Und fast so groß wie das Schlafzimmer war das Bad. Flauschige weiße Bademäntel, weiche Handtücher und der Duft nach Rosenseife. Die Wanne war groß genug für zwei.
Leonore schenkte sich nach und hob die Tasse. Sie hatte noch nie einen so guten Tee getrunken und noch nie ein so großartiges Gefühl gehabt dabei. FOP.
Sie sah sich die Tür öffnen. Sie sah sich den Raum betreten, leise summend. Sie ging zum Balkon, öffnete die Tür, trat hinaus und ließ die weiche Luft durch ihr Haar streichen. Dann trat sie zurück in den Salon, durchquerte ihn zum Schlafzimmer, strich mit der Hand über die weiße Leinenwäsche, sah sich ausgestreckt auf dem Laken liegen, ihm entgegenfiebernd. Sah ihn, wie er achtlos das weiße Hemd fallenließ, das er sich von den Schultern gestreift hatte. Sah seine breiten, kräftigen Schultern, seine schmalen Handgelenke, die Muskeln seiner Beine, fühlte ihn neben sich, spürte seine Hand auf ihrer Schulter, auf ihren Brüsten, auf ihrem Bauch.
Sie ließ die Tasse sinken. Ihr war heiß geworden, nicht vom Tee, natürlich nicht.
 
Sie durchquerte das Schlafzimmer und öffnete die Tür zum Bad. Sie hatte nur das Nötigste auf die Konsole unter dem Spiegel gestellt, man sollte Männern nicht zuviel verraten. Aber jetzt standen dort Töpfe und Tiegel, eine Marke, die so aussah, als ob sie in der Drogerie ganz unten im Regal steht; daneben Lippenstifte und eine verfärbte Puderquaste. Eine schon viel zu lange benutzte Zahnbürste, eine fast ausgequetschte Tube Zahnpasta. Eine Nagelfeile. Ein Kajalstift. Lipgloss. Und dann sah Leonore SIE.
Eine dürre Frau im Kostüm. Die Haare grau gesträhnt. Sie verzog ihre Lippen zu einem dünnen Lächeln. Man müßte ihr wirklich mal sagen, daß allzu grelle Farben hart wirken. In ihrem Alter, dachte Leonore.
„Was machen Sie denn hier, Leo?“ Die Frau nannte sie, wie alle sie nannten. Bis vor kurzem hatte sie gegen ihren Spitznamen nichts einzuwenden gehabt. Aber seit Frank sie „Löwlein“ nannte...
„Das geht Sie gar nichts an. Raus aus meinem Zimmer.“
Die alte Schachtel lächelte noch ein wenig schmallippiger. „Aus Ihrem Zimmer?“
„In der Tat. Ich habe das Zimmer schon vor einer Woche reservieren lassen, auf mich und...“ Sie biß sich auf die Lippen.
„Und?“
Auf mich und einen Mann, du dumme Kuh, dachte Leonore. „Und auf meinen Begleiter“, sagte sie. Was für eine lahme Antwort.
„Ich glaube, Sie irren sich.“
Die Alte hatte ihr den Rücken zugekehrt, starrte kurzsichtig in den Spiegel und begann, sich die Augenbrauen nachzuziehen.
„Das ist mein Zimmer und ich möchte, daß Sie gehen.“ Leonore hätte am liebsten mit dem Fuß aufgestampft, aber sie beherrschte sich in letzter Sekunde. „Sofort.“
„Hmmmm.“ Die Frau fuhr sich mit dem Lippenstift über den Mund, über schmale, freudlose, ausgetrocknete Lippen.. „Da muß ein schrecklicher Irrtum vorgefallen sein.“
„Ein Irrtum? Ich habe doch eben erst mit der Rezeption...“
„Ich meine, dieses Zimmer ist reserviert, schon richtig, aber nicht auf Ihren Namen.“
Nein, natürlich nicht, wollte Leonore sagen; Dr. Frank Weiland klingt nun einmal entschieden besser als Ass. Jur. Leonore Marx.
„Es ist auf Herrn und Frau Dr. Weiland reserviert.“
Natürlich. „Ach Löwlein, nach 30 Jahren gibt’s nicht mehr viel Lust und Leidenschaft in einer Ehe wie meiner. Mein Weib bist du, wahrlich, wirklich und wahrhaftig“, hatte Frank gesagt. Ich bin seine Frau, dachte Leonore. Was sagt schon ein Trauschein?
„Und Dr. Weiland bin ich. Dr. Margareta Weiland. Wenn Sie also nicht sofort verschwinden, lasse ich Sie rausschmeißen.“
 
Leonore hörte den scharfen kleinen Laut, mit dem die Teetasse auf dem Boden zersprang. Eine Wolke hatte sich über die Sonne gelegt. Der Moderduft verwelkter Kastanienblüten wehte durch das offene Fenster zu ihr herüber. Die Bedienung sah sie vorwurfsvoll an, während sie die Scherben aufsammelte. Von der Straße her wummerten die Bässe eines feindseligen Rapsongs aus einem schwarzen Golf GTI.
„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“ Die Bedienung lächelte nicht.
Leonore antwortete nicht. Sie blickte dem Mann hinterher, der über den Platz ging, ein Mädchen im Arm, das auf roten Stöckelschuhen über das Kopfsteinpflaster stolperte. Und dann ertönte der sanfte Dreiklang, mit dem ihr Mobiltelefon, das auf dem Tisch lag, eine SMS ankündigte.
Der Schatten hob sich von ihrer Seele. Frank, dachte sie. Er schreibt mir, daß er losgefahren ist. Er kommt. Er ist gleich da. Es war nur ein böser, blöder Albtraum. Alles wird gut. Sie spürte ihr Herz klopfen, als sie das Mobiltelefon aufklappte.
„Kann leider nicht kommen. Hab’s schön auch ohne mich, Löwlein, ja? Bussi. Frank.“
Sie starrte ungläubig aufs Display. Las die Sätze und verstand kein Wort. Aber irgendwann kam es bei ihr an: er würde nicht da sein heute. Auch nicht morgen. Wahrscheinlich nie mehr. Mit zitternden Knien stand sie auf.
Diesmal lief sie nicht die Treppe hoch. In den Spiegel auf dem Treppenabsatz wagte sie nicht zu schauen, sie fürchtete, das Gesicht einer enttäuschten Frau zu sehen. Zimmer 35. Zimmer 34. Sie nestelte den Schlüssel aus ihrer Handtasche und schloß auf. Der Zauber war vorbei, vor ihr lag ein Hotelzimmer wie viele andere auch.
Sie reagierte nicht, als sie hinter sich eine Bewegung spürte. Und sie fühlte keinen Schmerz, als der Schlag sie an der Schläfe traf, nahm eben noch einen Lufthauch wahr, hörte etwas krachen, irgendwo in ihrem Kopf, schmeckte Metallisches in ihrem Mund. Dann sackte sie zusammen.
 
Der schwarze GTI, der gegenüber dem Wintergarten des Hotels Krone in Hirschberg geparkt hatte, fuhr mit kreischenden Reifen an. Margareta Weiland lächelte mit schmalen Lippen. Frank würde etwas zu erklären haben, nachdem er sein Liebesnest betreten und die Bescherung gesehen hatte.
Auf der Autobahn gab sie Gas, bis sie sich daran erinnerte, daß es besser war, nicht weiter aufzufallen. Bei der ersten Raststätte hielt sie an, ging aufs Klo und kaufte sich ein Eis. Draußen hatten sich Wolken vor die Sonne gschoben und ein kühler Wind blies ihr entgegen. Sie starrte in den Himmel, bis ihr die Augen schmerzten und ihr das Eis auf die Hand tropfte. Sie warf es in den Restmüll. Dann ging sie zurück zum Auto und holte ihr Mobiltelefon aus der Handtasche. Jetzt müßte er eigentlich eingetroffen sein in seinem kleinen Liebesnest. Er würde gleich anrufen. Er würde ihre Hilfe brauchen, wie immer. Der Dummkopf.
Er hatte es so ungeschickt angestellt diesmal, daß sie die Zeichen rechtzeitig erkannt hatte. Es war nicht weiter schwierig gewesen, sein aktuelles Paßwort zu erahnen: Casati – so hieß die Marke seines neuen Rennrades. Und seine Liebesergüsse hatte er in einem Ordner namens „Kenia“ abgelegt. Löwen – Leo – alles klar. Ihr war fast schlecht geworden bei all den Bussis und Liebesschwüren, durch die sie sich arbeiten mußte, um Zeit, Ort und Art des Treffens in Erfahrung zu bringen.
„Am Freitag, 18 Uhr! Ich warte auf Dich! In der Krone in Hirschberg! Zimmer 33! Ich sehne mich nach Dir! Bussi! Löwlein!“
Der Rest war Ehrensache. Und nun konnte es sich nur noch um Minuten handeln, bis er um Hilfe flehte.
Margareta blickte auf das Display. Kein Anruf. Aber es war eine Email eingetroffen. Mit fliegenden Fingern klickte sie das Briefsymbol an.
„Hallo Margareta. Ich hoffe, Du und Leo habt eine schöne Zeit miteinander. Wo ich bin, verrate ich Dir nicht. Nur eines, damit Du Dir nicht zu viel Mühe mit meiner elektronischen Post geben mußt: Sie heißt Felicitas. Die Glückliche.“
 
In: Ralf Kramp (Hrsg.), Fünf-Uhr-Tod. Schwarzer Tee und schwarze Geschichten, 2007