Eisenmann
 

Ein paar einsame Schneeflocken tanzten durch das gebündelte Licht, das auf Bulle und Bär gerichtet war, als ob die Menschen, die bei Schinken-Becker anstanden oder am Weinausschank ihren Schoppen tranken, daran erinnert werden müßten, daß bald Weihnachten war. Karen Stark legte die Hände um den Becher mit Glühwein und wünschte sich eine weihnachtsfreie Zone, wenigstens auf dem freitäglichen Wochenmarkt vor der alten Frankfurter Börse.

Sie wollte nicht dauernd mit der Nase darauf gestoßen werden, daß sie dem Fest der Liebe und der Familie wie immer allein entgegensah, und zwar in diesem Jahr besonders lange, weil die Feiertage „arbeitnehmerfreundlich“ ausfielen. Also gab es noch nicht einmal Trost durch Arbeit, es sei denn, man wollte sich ein paar Akten als Spielgefährten mit nach Hause nehmen.
Sie nahm einen Schluck von der süßen Plörre, die wenigstens wärmte, und blinzelte zu Gunter Carstens hinüber. „Und? Hast du die Woche halbwegs überstanden?“
Auch Gunter hielt den Becher zwischen beiden Händen und blies hinein. „Halbwegs. Und bitte keine dringenden Aufgaben am Wochenende, wenn du es einrichten kannst, ja?“
Karen hätte sich fast an ihrem Glühwein verschluckt. Nein, Gunter würde nicht in die Versuchung geraten, sich Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Weder am Wochenende noch zu Weihnachten. Das empfahl sich nicht für einen Gerichtsmediziner.
Sie kannte ihn schon lange, schon eine Ewigkeit, jedenfalls seit sie bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft angefangen hatte. Aber erst seit kurzem trafen sie sich auch mal außerhalb der Arbeit, in unregelmäßigen Abständen, und tranken ein Glas miteinander, manchmal auf dem Schillermarkt, manchmal auf dem Bauernmarkt an der Konstablerwache. Carstens war bei Gericht ein Sachverständiger, auf den eine Staatsanwältin sich verlassen konnte. Aber vor allem war er ein netter Kerl.
Und was machst du an den Feiertagen, Gunter? Fast hätte sie ihn gefragt. Verheiratet war er nicht. Oder nicht mehr – man blieb es nicht lange bei so einem Job. Er sah unendlich müde aus. Gab es ein Leben nach der Arbeit und vor der Rente? Allmählich glaubte sie selbst nicht mehr daran.
Am Nachbartisch standen junge Männer in braver Angestelltenkluft, jahreszeitbedingt rote Zipfelmützen auf dem Kopf, und lachten über irgendetwas. Zwei gediegene blonde Frankfurterinnen mit viel Gold an den Händen schwatzten aufeinander ein, bei Weißwein, brrr. Und die blasse Frau im schwarzen Mantel, die ganz allein am Rande stand, sah auch nicht aus, als ob sie vom Fest der menschlichen Wärme irgendetwas Gutes zu erwarten hätte.
Karen blickte hinüber zur Börse. Die Säulen und Kapitelle des Kapitalistendoms aus dem 19. Jahrhundert, in dem nur noch der Parketthandel stattfand, waren in anlegerfreundlichem Gold ausgeleuchtet. Auf den Stufen vor dem Entree saßen fünf Jugendliche, die bunte Strickschals um den Hals trugen. Fußballfans. War heute irgend ein Spiel? Oder war schon alles vorbei? Dann mußte wohl die Lieblingsmannschaft verloren haben, denn die Jungs grölten keine aufrüttelnden Lieder und brachen auch nicht in Schlachtrufe aus. Man durfte dankbar sein.
„Die Wasserleiche.“ Gunter, gedankenverloren.
Die eine der beiden blonden Frankfurterinnen drehte sich kettchenklirrend um und beäugte ihn mißbilligend. Karen lächelte ihr beruhigend zu. Sie wußte, was Gunter meinte, sie hatte an der Obduktion teilgenommen. Die Wasserleiche hieß Frank Niermeyer und war 63 Jahre alt geworden. Alleinstehend, nicht vermißt gemeldet, obwohl der Rentner, der Waschhautbildung zufolge, zwischen zwei und drei Wochen im Wasser gelegen hatte. Die Haut an den Händen hatte sich bereits abgelöst und bei der Thoraxöffnung war ihnen die Lunge entgegengequollen.
„Ich kann keine Fremdeinwirkung erkennen, Karen“, sagte Gunter und blickte auf seine Hände. Lange, schmale, weiße Finger. Manchmal waren sie Karen unheimlich. „Aber...“
Aber. Sie kannte dieses Aber. Gunter war skrupulös, er gehörte nicht zu den Arbeitsscheuen, die vorsichtshalber auch deutliche Hinweise auf äußere Gewalt übersahen. Im Gegenteil: er hatte bestimmt alles daran gesetzt, auch noch die kleinste Spur ausfindig zu machen. Manchmal war eine Gewalttat leichter zu ertragen als ein Selbstmord.
„Aber es wäre dir lieber, wir hätten einen Fall und nicht bloß eine Leiche“, sagte sie behutsam.
„Daß so jemand sich den Abschied gibt, ganz allein, und auch noch kurz vor Weihnachten...“
Weihnachten. Da war es wieder. Verflucht sei das Fest der Liebe. Jetzt, sofort würde sie ihn fragen, ob er auch allein sei die Festtage über.
„Gunter...“
In diesem Moment drehte er sich um. Und dann sah sie es auch, hinter den beiden Wachmännern am Eingang zur Börse. Eine Frau hielt sich die Hand vor den Mund. Ein junger Mann mit zerrauften Haaren und wehendem Schlips drängte sich an ihr vorbei ins Freie. „Ein Arzt!“ Seine Stimme überschlug sich fast. „Ist hier ein Arzt?“
Carstens drehte sich wieder um und stellte den Becher mit dem Glühwein auf den Tisch. Sein Gesicht schien noch müder geworden zu sein. Dann seufzte er und nickte ihr zu.
„Ich komme mit“, sagte Karen. „Wer weiß, was dich erwartet. Vielleicht brauchst du mich ja.“ Hoffentlich nicht, dachte sie.
Carstens neigte den Kopf und zog sich den Schal enger um den Hals. Während der paar Schritte hinüber zur Börse hatte Karen das Gefühl, eine intime Schutzzone zu verlassen und in einen Korridor der Kälte einzutreten.
„Dr. Carstens“, sagte Gunter und hielt dem jungen Mann, der bei den Wachmännern stand, die Hand hin.
Der Mann fuhr sich nervös durch die blonden Haare. „Ein Arzt. Gottseidank“, sagte er. „Hier entlang.“
In der Lobby standen junge Männer und Frauen, die sich bemühten, nicht allzu interessiert oder gar aufgeregt zu wirken. Karen und Gunter folgten dem Mann mit dem zerzausten Haar, der sie nicht durch die Sicherheitsschleuse führte, sondern vorher links abbog in einen Gang. Die Garderobe. Die Toiletten. Die Tür zur Herrentoilette stand weit offen. Davor ein magerer Junge mit dunkler Brille und eine Frau, beide blaß, keiner sagte etwas.
„Würden Sie bitte“, sagte Carstens leise und hob fast entschuldigend die Hand. Die beiden machten den Weg frei.
„Ganz hinten rechts“, sagte der zerzauste Blonde. „Ich hoffe, Sie können ihm helfen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.“
Helle Wildlederschuhe, abgetragen. Jeans mit ausgetretenem Saum. Eine Burberry-Jacke, soweit sie erkennen konnte. Vielleicht auch ein Imitat. Gunter kniete sich neben den Mann, der vor der hintersten der fünf Kabinen auf dem Boden saß. Es war jedenfalls anzunehmen, daß es ein Mann war, denn über dem Kopf trug er eine Plastiktüte, weiß, darauf die Abbildung eines unnatürlich grünen Baums. Die Tüte schien fest um den Hals geschlungen zu sein. Mit Klebeband, luftdicht, vermutete Karen. Irgend jemand hatte versucht, sie dem Mann vom Kopf zu ziehen und dabei ein Loch hineingerissen. Carstens schnitt die Tüte mit einem Taschenmesser auf und tastete am Hals des Mannes nach dem Puls. Dann zog er ihm das Augenlid hoch, erst rechts, dann links. Er sah auf, suchte ihren Blick und schüttelte leicht den Kopf.
„Hat jemand die Polizei gerufen?“ Keiner bestritt Karen die Berechtigung, solche Fragen zu stellen.
„Ich.“ Der Junge, der vor der Herrentoilette gestanden hatten.
„Wer hat ihn gefunden?“
„Ich.“ Der zerzauste Blonde klang noch immer atemlos. „Ist er...“
„Kennt einer den Mann?“
„Veit Westermann. Börsenzeitung. Früher festangestellt. Heute freier Mitarbeiter.“ Die Frau, um die vierzig, dunkle Haare, scharfe Züge. Karen Stark holte den Notizblock aus der Handtasche. „Und Sie sind...?“ fragte sie und starrte die Frau an. Blasse Haut. Viel zu dünn. Die ganze Person unter Hochspannung.
„Veit hat nicht viel Glück gehabt in der letzten Zeit.“ Der Blonde war plötzlich leise geworden.
„Da ist er nicht der einzige“, hörte Karen den Jungen mit der dunklen Brille murmeln. „Veit hatte keine blasse Ahnung. Riskante Deals soll man den Profis überlassen.“ Niemand schien einen Zweifel an Todesursache und Motiv des Journalisten zu haben.
„Sie meinen, er hat es selbst getan?“ Sich eine Plastiktüte über den Kopf zu ziehen und fest zu verschließen ist nicht jedermanns Sache.
„Wer sonst?“ fragte die Frau.
„Und Sie sind?“ Karen zückte den Kugelschreiber. Lillian v. Wesel, Freiligrathstr. 5. Gegend mit gehobenen Mietpreisen. Das konnte sich nicht jeder leisten.
„Bei Veit lohnte es sich noch nicht einmal, ihn umzubringen.“ Bitter. Nein: gehässig. Karen nahm den Bebrillten scharf in den Blick. Das blasse Gesicht eine feindselige Maske. Auch Lillian v. Wesel schien das gemerkt zu haben, sie legte ihm die Hand auf den Arm, die er unwillig abschüttelte.
„Und Sie heißen?“
„Ahhhh, die sehr verehrte Vertreterin der Anklagebehörde nimmt uns die Arbeit ab.“ Kriminalhauptkommissar Boehncke grinste dünn und schob sich an Karen vorbei.
„Ich denke nicht daran.“ Karen klappte den Notizblock zu. „Aber wenn die Frankfurter Polizei sich soviel Zeit läßt...“
„Zeit? Das Wort kenne ich nicht“, sagte Boehncke, die blassen Augenbrauen hochgezogen.
Carstens gab Boehnckes Begleiterin, deren Rang und Namen Karen nicht mitgekriegt hatte, den vorläufigen Befund zu Protokoll, bevor Boehncke sie gnädig wieder entließ. Im Foyer stand niemand mehr, nur die Damen vom Empfang telefonierten angeregt. Schweigend verließen sie das Gebäude.
Ihre Becher standen noch immer auf dem Tisch vor dem Weinstand. „Heiß isser ja nicht mehr“, sagte die blondere der beiden Frankfurterinnen, die Vertrauen zu Gunter gefaßt zu haben schienen. Einem Arzt verzeiht man schon mal das Wort „Wasserleiche“. „Aber wir dachten, Sie kommen schon irgendwann wieder.“
 
*
Diesmal holte Karen den Glühwein. Die Stimmung am Weinstand wurde immer ausgelassener, es war ja auch Freitag, und die meisten hatten gar nicht mitgekriegt, was in der Börse geschehen war. Diejenigen, die den Polizeiwagen bemerkt hatten, interessierten sich nicht weiter für den Grund. In Frankfurt war Polizeipräsenz normal.
„Ein unangenehmer Tod.“ Carstens legte wieder die Hände um den Becher.
Karen tat es ihm gleich. Ihr war kalt. Es entzog sich ihrer Vorstellung, wie das ist, wenn man unter einer Plastiktüte erstickt. Sie wußte nur, daß es lange dauert – und daß es zu ihren schlimmsten Albträumen gehörte. „Gibt es Hinweise auf Fremdeinwirkung?“
Er wiegte den Kopf. „Es sieht nicht so aus, als ob er sich gewehrt hätte.“
„Aber das Klebeband?“
„Wer es ernstmeint, schafft sowas auch allein.“
Karen atmete auf. Also keine weitere Akte auf ihrem Schreibtisch, auf dem sich neuerdings, dank Vaterschaftsurlaub des lieben Kollegen Flachkamp, auch noch die allgemeinen Strafsachen unter Ta-Te und W stapelten. Als ob R (ohne Ra) und Sa-Sal nicht reichten. Andererseits ...
„Andererseits...“ Carstens zündete sich eine Zigarette an.
Karen guckte ihm fasziniert auf die langen weißen Finger. Auch die beiden blonden Frankfurterinnen starrten. Wahrscheinlich fragten sie sich, ob das allgemeine Rauchverbot auch für einen Weinstand unter freiem Himmel galt und warum ausgerechnet ein Arzt tödlichen Qualm inhalierte. „Andererseits?“
„Wieso bringt sich ein Diabetiker auf eine so bestialische Art um?“
„Diabetiker?“ Irgendwie war sie heute begriffsstutzig.
„Er hatte Insulin und Spritze dabei.“
Karen starrte ihn an.
„Und selbst wenn er kein Diabetiker wäre: Insulin ist das perfekte Selbstmordinstrument. Eine Überdosis befördert einen erst ins Koma und dann in den Himmel, und das völlig schmerzlos.“
„Und das heißt...“ Jetzt war sie wach.
„Wir müssen suchen. Der Fall ist nicht so simpel, wie er aussieht.“
Karen spürte, wie ihr Unwille verflog. Gunter haßte Selbstmord, nicht nur vor Weihnachten. Sie auch. Aber was noch viel besser war: sie hatten ab sofort zu tun, alle beide, auch die Feiertage über. Zweimal Einsamkeit weniger – dank Veit Westermann, requiescas in pace.
Carstens holte die nächste Runde.
 
*
Die Frankfurter Staatsanwaltschaft war keine Institution, die für ihre menschliche Wärme bekannt war. Karen Stark genoß das Geräusch ihrer Absätze, das durch den langen Gang auf dem Weg zum Büro hallte. Hier war Heimat. Hier war weihnachtsfreie Zone.
Ein Irrtum, wie sie bemerken mußte, als sie die Tür zu ihrem Büro öffnete. Die jahreszeitlich bedingte Gefühlsseligkeit hatte sie eingeholt: es roch nach Tannenduft und Zimtgebäck. Auf einem der Aktenstapel, unter denen sich ihr Schreibtisch verbarg, thronte ein bunter Weihnachtsteller mit Gebäck, das selbstgefertigt aussah. Karen Stark umkreiste das Arrangement, rückte den Teller ein wenig zur Seite, schaute ihn versunken an und nahm sich schließlich, ganz gegen ihre Vorsätze, einen hellbraunen Kloß, den sie nach allgemeinem Ermessen für eine Kokosmakrone halten durfte.
Für diese Überraschung kam nur eine in Frage: Die Kollegin Eva Daun hatte ihre vorweihnachtlichen Gefühle offenbar hemmungslos ausgelebt. Es gab kein Entrinnen. Wehmütig dachte Karen an das Wochenende zurück, das sie sachlich und ohne besondere Duftnoten mit Gunter beziehungsweise dem Fall Westermann zugebracht hatte. Am Samstag hatte sie beiläufig in Erfahrung gebracht, daß Carstens alleinlebte und daß er sich für Heiligabend einen Platz in einem Spitzenrestaurant eines ziemlich teuren Hotels in Baiersbronn hatte reservieren lassen. Am Sonntagabend fragte er sie endlich, ob sie mitkommen wollte. Karen hatte ja gesagt.
Der Fall Veit Westermann hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits erledigt. Es blieb auch im vorläufigen Gutachten beim Befund „Tod durch Ersticken“. Gunter hatte kein Anzeichen für Fremdeinwirkung feststellen können. Sicher, Westermann war Diabetiker, seit seinem 16. Lebensjahr, das war nun ebenfalls klar. Aber warum er die unbequemere Methode gewählt hatte, war nicht festzustellen. Auch die polizeilichen Ermittlungen hatten bislang nichts ergeben, was gegen Selbstmord sprach. Und die Motivlage schien klar: Aussichtslosigkeit. Der Mann lebte in einer Einzimmerwohnung im Gallusviertel und schien sich von Luft zu ernähren. Früher galt er als junges Talent, später als entbehrlich: Veit Westermann, 28, ledig. Man wußte noch nicht einmal, ob irgend jemand um ihn trauerte.
Immerhin gab es einen Freund. Ihn hatte der junge Mann in seinem Filofax verzeichnet als derjenige, der im Notfall zu benachrichtigen sei. Karen Stark, die die Akte schon wegräumen wollte, nahm sie sich noch einmal vor. Da war sie, die betreffende Aktennotiz. Der Freund war 68. Pensionierter Gymnasiallehrer für Sport und Musik. Er war nicht im Haus, als man ihm die Nachricht überbringen wollte. Die Nachbarin gab auf Befragen an, er befinde sich wohl dort, wo er immer um dieses Tageszeit sei: im Fitneßstudio. Das Hobby des Pensionärs war Bodybuilding. Erstaunlich. Der Mann hätte Westermanns Großvater sein können.
Nein, es gab keinen Grund, warum sie der Sache nachgehen sollte. Aber sie dachte den ganzen Tag daran. Denn Veit Westermanns Freund trainierte in der Muckibude von Frank Petersen, den sie seit ihrer Studienzeit kannte und bei dem sie selbst vor Jahren mit Krafttraining begonnen hatte. Petersen hatte den modernsten Fitneßclub der Stadt, ideal gelegen, unweit der Börse. Alle Maschinen State of the Art, dazu Laufbänder und Spinning Bikes. Nur die Eingeweihten wußten, daß sich im Keller seines Sportpalastes auch ein nicht ganz so modern ausgerüsteter Raum befand, ein Raum, in den sich Büroangestellte und Börsianer selten hineintrauten, weil er nach Schweiß roch und nach Eisen. Dort traf man Männer, die nicht deshalb trainierten, weil sie einen Ausgleich zur Büroarbeit brauchten, sondern weil sie dicke, schwellende Muskelpakete anstrebten. Denen verkaufte Frankie auch schon mal allerhand fragwürdige Substanzen, von denen er selbst nicht viel hielt. „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“, lautete sein ungerührter Kommentar, wenn man mit ihmdarüber reden wollte. Petersen wußte alles und kannte jeden, der mit Muskeln zu tun hatte: Ärzte, Pharmavertreter, vernünftige Menschen und Junkies. „Leben und leben lassen“, lautete seine zweitwichtigste Devise.
Ich befriedige nur meinen Neugier, sagte sie sich, als sie sich endlich entschlossen hatte, nach Feierabend Frank Petersens Fitneßstudio anzusteuern. Sie ging abseits der hellerleuchteten Zeil zu Fuß durch die wohltuende Dunkelheit, es schneite noch immer nicht, der Himmel war klar und es war schneidend kalt. Auf der Treppe zu Petersens Studio kamen ihr zwei männliche Muskelpakete entgegen, die in der kalten Luft zu dampfen schienen. Der Mann hinter dem Empfangstresen war ruhig, physisch eher unauffällig und reagierte prompt. „Frau Staatsanwältin Karen Stark“, sagte er ins Telefon, nickte, legte wieder auf und lächelte sie an. „Er ist gleich hier.“
Minuten später stürmte Frank durch die Tür, schwebte auf sie zu, nahm sie in den Arm und drückte sie, bis sie leise protestierte. Dann hielt er sie auf Armeslänge von sich und musterte sie von oben bis unten. „Ein neues Fitneßprogramm? Ein Fläschchen Amphetamine? Ein paar Kilo Fett in Muskelmasse umwandeln? Noch schöner werden?“ Er knetete liebevoll ihren Bizeps.
Karen schüttelte den Kopf. „Manfred Leyendecker“, sagte sie.
„Manni?“ Petersen hob die Augenbrauen, als ob er „Was hat der denn wieder angestellt?“ sagen wollte. Dann deutete er mit dem Kinn auf die Tür, durch die er soeben hereingekommen war.
Sie stiegen hinunter, in den Keller. Die schwere Metalltür sah aus wie jede anständige Kellertür und öffnete sich lautlos. Der Raum dahinter hatte verspiegelte Wände, war hell erleuchtet und roch nach Schulturnhalle. Mit liebevoller Rührung betrachtete Karen die Folterinstrumente aus der Pionierzeit des Bodybuilding. Viel war nicht los, aber sie waren nicht allein. Man hörte tiefes Atmen und das leise Klirren, das entsteht, wenn eine der Scheiben auf der Hantel sich bewegt. Karen ging ein paar Schritte hinein in den Raum, Frank deutete auf eine Hantelbank ganz hinten. Dort lag ein Mann in langen blauen Hosen und weitem T-Shirt und stemmte mit den Armen in gleichmäßigem Rhythmus ein Gewicht, das ihr gewaltig vorkam. Er trug eine makellose Glatze. Und er war nicht mehr der Jüngste.
Frankie ließ sie allein hinübergehen. Der Mann mußte sie gesehen haben, aber er drückte sein Eisen ungerührt weiter. Als er endlich die Langhantel mit kaum hörbarem Klicken auf das Powerrack zurücklegte, stand ihr der Schweiß auf der Stirn.
„Manfred Leyendecker?“
Der Alte setzte sich auf. Seine blauen Augen ließen keine Gefühlsregung erkennen.
„Ihr Freund Veit Westermann ist tot. Das wissen Sie doch, oder?“
Leyendecker sagte noch immer nichts.
„Sieht nach Selbstmord aus. Ein ziemlich unangenehmer Tod. Er hat sich eine Plastiktüte über den Kopf gezogen und ist darunter erstickt. Merkwürdig. Als Diabetiker hätte er es einfacher haben können.“
Der Mann hob die Augenbrauen.
„Sie wußten, daß er Diabetiker war?“
Er schien den Kopf zu schütteln, aber das konnte auch täuschen. Karen wurde langsam ungeduldig.
„Er hat alles verloren in den letzten Jahren, hört man. Geld und Beruf. Er war am Ende.“
In den blauen Augen las man keine Regung.
„Warum haben Sie ihm nicht geholfen?“
Jetzt endlich sah der Alte sie an. Er schüttelte den Kopf, als ob er sie für nicht ganz zurechnungsfähig hielt.
„Sie haben ihm also geholfen?“
Der Alte lächelte. Es sah furchteinflößend aus.
„Oder – hat er vielleicht auch Ihr Geld verspekuliert?“ Man nennt es auf den Busch klopfen, dachte Karen, aber manchmal half das. Nicht bei Leyendecker. Der legte sich wieder auf die Bank und reckte die Arme.
„Herr Leyendecker, ich muß doch sehr bitten. Würden Sie mir vielleicht endlich eine Antwort auf meine Frage geben?“
Er hob die Hantel aus der Halterung. „Mir macht das nichts. Ich brauch nichts mehr.“ Seine Stimme klang gepflegt. Er sprach mit jener Autorität, die den Lehrer verrät.
„Also hat er oder hat er nicht?“
„Ich habe das Geld nie gebraucht.“ Leyendecker nahm die Hanel fester in den Griff. Karen Stark hörte ihn atmen, während er das Gewicht hochstemmte und wieder senkte. Hoch. Und runter.
Also doch, dachte sie.
 
*
Es war die erste Verhandlung des Tages. Gunter Carstens machte seine Aussage routiniert wie immer, ein bißchen zu routiniert, dachte Karen, als sie ihm zuhörte, während er Name, Geburtsdatum, Adresse und Profession im Schnellverfahren herunterbetete. Der junge Mann mit Migrationshintergrund, wie man heutzutage feinsinnig sagte, hatte in betrunkenem Zustand Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet. Im Klartext: er hatte bei seiner Festnahme randaliert, den Beamten Arschloch und die Beamtin Fotze genannt, ein Wort, das die Richterin nur mit Mühe über die Lippen brachte. Nicht, weil sie prüde war, sondern um nicht zu lachen, mutmaßte Karen, die Inge Sautter gut kannte. Gunter hatte darüber zu befinden gehabt, ob der junge Mann aufgrund seiner Trunkenheit unzurechnungsfähig gewesen sei, was die Verteidigung als mildernden Umstand geltend machen könnte. Eloquent entwickelte er aus dem Alkoholspiegel zur Zeit der Festnahme den wahrscheinlichen Pegel zur Tatzeit, erläuterte kurz, welche Schlüsse sich daraus ergaben und bestritt lächelnd jede strafmildernde Einschränkung. Der junge Mann, der sich längst bei den beiden Beamten entschuldigt hatte, lächelte zurück und akzeptierte schließlich das Urteil im Namen des Volkes mit Haltung. Für den war Knast keine Strafe, dachte Karen, sondern Teil des Lebens. Der würde wiederkommen. Der kannte nichts anderes.
Karen hakte Gunter unter, während sie den Gerichtsflur entlang gingen. Der Gedanke an ein gemeinsames Weihnachten machte sie verlegen – und dennoch freute sie sich darauf. Umso wichtiger, den professionellen Austausch nicht zu vernachlässigen.
„Sag mal...“
„Hmmm?“ Gunter drückte ihren Arm.
„Würdest du es einfach hinnehmen, wenn ein junger Kerl dein ganzes Geld an der Börse plattmacht?“
Carstens lachte. „Welches Geld?“
Karen lachte nicht. „Veit Westermann hat offenbar das Geld seines Freundes durchgebracht. Manfred Leyendecker, ordentlich verbeamteter Gymnasiallehrer, pensioniert. Er muß Veit Westermann vor einigen Jahren eine beträchtliche Summe anvertraut haben. Und nun behauptet er, er brauche kein Geld.“
„Eines ist sicher: die Beamtenpension.“ Gunter war ungewohnt spottlustig. Freute er sich etwa auch auf Weihnachten?
„Hör zu!“ Karen kniff ihn in den Arm. Sie hatte die Nachbarin Leyendeckers angerufen, die Frau schien gut informiert zu sein. Und erfreulicherweise hatte sie sich als überaus auskunftsfreudig erwiesen.
„Leyendecker hatte eine Tochter, die nierenkrank war und zur Dialyse mußte. Er war auf der Suche nach einer Spenderniere, was dank ihrer Blutgruppe nicht ganz einfach war, und versuchte das wohl auch auf illegalem Weg. Sowas kostet.“
„Und deshalb hat er Westermann sein Geld gegeben?“ Gunter blieb stehen und ließ die Protokollführerin vorbei, die in ihrem schwarzen Talar und der blonden Mähne wie ein Engel aussah. „Das scheint mir nicht sonderlich zielführend zu sein.“
„Er sollte das Geld vermehren. Statt dessen hat er es verzockt.“
Gunter wirkte noch immer nicht überzeugt. „Und aus schlechtem Gewissen hat sich Westermann umgebracht? Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Warum erst jetzt?“
„Und warum nicht mit einer Überdosis Insulin?“
Gunter seufzte. „Du weißt, daß ich jedem Hinweis nachgegangen bin, Karen. Da war nichts. Veit Westermann hat sich gegen seinen Tod nicht gewehrt. Das spricht für seine Freiwilligkeit.“
Sie schüttelte den Kopf. Sie traute ihrem Gefühl. „Leyendeckers Tochter ist im Alter von 32 Jahren am Tag vor dem angeblichen Selbstmord von Westermann gestorben. Sie hatte ein Kind. Eine Tochter. Sieben Jahre alt. Vielleicht braucht ja Leyendecker kein Geld mehr. Aber das Kind?“
„Hm.“ Carstens legte ihr den Arm um die Schulter. „Das ist schlimm. Aber was willst du tun?“
„Ich besuche Freund Petersen. Heute abend, nach Dienstschluß.“
„Ich hatte gedacht...“
„Um 19 Uhr trainiert unser bärenstarker Musiklehrer. Jeden Tag.“
„Und was machst du danach?“
Sie blieb stehen und sah ihm in die Augen. „Was schlägst du vor?“ fragte sie sanft.
 
*
Leyendecker machte Klimmzüge. Karen zählte nicht mit. Endlich blickte er über die Stange auf sie herunter.
„Westermann sollte Ihr Geld vermehren, für Ihre Tochter und Ihre Enkelin, stimmt’s?“
„Meine Tochter ist tot.“
„Mein Bedauern. Sie braucht also das Geld nicht mehr. Aber Ihre Enkelin?“
„Weg ist weg“, sagte der Alte emotionslos.
„War Ihr Freund Westermann ein Betrüger? War er ein Spieler? Hat er zuviel riskiert?“
Der Alte stieg herunter vom Podest, setzte sich auf einen Hocker und wischte sich mit dem Handtuch über die Glatze. Karen wartete.
„Er war dumm“, sagte der Mann plötzlich mit schneidender Stimme. Und dann, leiser: „Dumm und gierig. Das sind die Schlimmsten.“
Es war also kein Selbstmord, dachte Karen auf dem Weg zum Reuters, wo sie mit Gunter zum Essen verabredet war. Das wird ihn freuen. Wir haben einen Fall.
Sie verschwendete keinen Gedanken daran, daß dieser Fall sie mit großer Wahrscheinlichkeit das Weihnachtsmenü mit Gunter kosten würde.
 
*
„Im Unterschied zu Westermann ist Leyendecker schnell gestorben.“ Carstens hob das Glas mit dem Glühwein und prostete ihr zu. „Der Fall ist abgeschlossen. Wir können fahren.“ Karen merkte mit Verwunderung, daß ihre Knie zitterten. Aufgeregt? Eines Weihnachtsmenüs mit einem Gerichtsmediziner wegen? Wozu. Schließlich hatten sie zwei Hotelzimmer gebucht.
„Er hat beim Trainieren die Hantel fallengelassen. Die Stange hat ihm Kehlkopf und Luftröhre zerquetscht.“
„Was wird jetzt aus dem kleinen Mädchen?“ Aus irgendeinem Grund wurde ihr die Kehle eng.
„Ein ehemaliger Beamter ist gegen jedes Risikio abgesichert.“ Carstens wirkte völlig unbeteiligt. „Er hat eine sehr hohe Lebensversicherung abgeschlossen, die jetzt seiner Enkelin zugutekommt.“
„Die zahlen nicht bei Selbstmord.“ Wollte er sie veralbern?
„Wieso Selbstmord? Wie kommst du denn darauf?“ Carstens grinste.
Sie starrte ihn an. Begriffsstutzig. Schon wieder.
„Im vorläufigen Gutachten steht nichts von Selbstmord.“ Gunter sah sie über den Rand des Glühweinglases an. „Der Obduktionsbefund ist eindeutig. Das Herz war leicht vergrößert. Leyendecker war 68. Er hat sich übernommen. Ein Mann in seinem Alter! Ein kleiner Schwächeanfall – und schon...“ Carstens fuhr sich mit der Handkante über die Kehle.
Endlich begriff sie – und wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen. „Du Weihnachtsmann“, sagte sie schließlich.
„Ich freue mich auf den Abend der Abende.“ Gunter lächelte.
Ich auch, dachte Karen.
 
Erschienen in: petra Hammesfahr (Hrsg.),  Zum Sterben schön. Die spannendsten Weihnachtskrimis, Reinbek b. Hamburg 2007