Berichte aus dem prallen Leben
 
Der Kriminalroman in Deutschland verdient mehr Beachtung

Warum hat der Krimi in Deutschland noch immer einen so schlechten Ruf? Weil die Deutschen verklemmt sind. Denn sie lesen zwar in großer und ständig wachsender Zahl Romane, in denen es spannend zugeht, stehen aber nicht öffentlich zu dieser Neigung, die sie auch, aber keineswegs nur im Schlafzimmer pflegen.
Jedenfalls zieren sie sich gern. Oder woran liegt’s, daß das liebenswürdigste Publikum, eben noch gebannt an der Autorin Lippen hängend, es nach der Veranstaltung kaum über sich bringt, für ein handsigniertes Hardcover aus dem Genre „Spannungsroman“ den Gegenwert von zwei Kinokarten auf den Tisch zu legen? Die sicher charmanteste Begründung: „Krimis lese ich nur im Taschenbuch.“ Denn: „Hardcover traut man sich ja nicht wegzuschmeißen.“
Dann verschenkt sie doch! möchte unsereins da rufen. Setzt sie aus! Laßt sie zirkulieren! Wir haben mehr als ein Jahr lang Liebe und Hingabe in das Werk gesteckt! Oder erklärt mir wenigstens, warum das anämische Werk einer lebensunfrohen Debütantin oder Fingerübungen im Konjunktiv und andere trübsinnige Befindlichkeitsprosa einen festen Platz im Bücherregal verdienen. Wird sowas wirklich eher wiedergelesen als die Berichte aus dem prallen Leben, die wir hierzulande „Krimis“ heißen?
Oder hat man die sperrige Debütantenkost nur gekauft, weil das bürgerliche Feuilleton sich bei ihrem Erscheinen schier überschlug vor Begeisterung? Und die seither rumsteht im Regal, bis zum nächsten Umzug, während das mindere Buch eselsohrig gelesen wird?
Ja, es ist richtig, im „guten“ Feuilleton kommt Unterhaltungsliteratur selten vor. Die Begründungen variieren. Man müsse nicht auch noch anpreisen, was eh alle läsen, sagen die einen. Die anderen halten das, was alle lesen, prima facie nicht für Literatur, da Literatur „erarbeitet“ sein will, also widerspenstig sei und verschlossen wie ein Wein mit Alterungspotential, also Geheimwissenschaft. Andere wiederum rezensieren, was alle anderen rezensieren. Und Unterhaltungsliteratur nur, wenn sie durch überraschende Erfolge (Harry Potter) zum „soziologischen Phänomen“ geworden ist.
Den meisten entgeht – weil sie „sowas“ gar nicht erst lesen – wie vielfältig das Genre heute ist. Kriminalromane können großartige, oft hochkomplexe Erzählungen sein, sie entführen ihre Leser an interessante Schauplätze (es muß nicht immer Venedig sein), in unbekannte Milieus und exotische Wissensgebiete, weisen in menschliche Abgründe und sprechen das Gefühl an.
Leidenschaftliche Leser schätzen sie dafür. Die Unterscheidung zwischen E und U ist ihnen egal. Und gerade passionierte Krimileser wissen, daß die Bücher der großen unserer Zunft (Reginald Hill, um nur einen zu nennen) alles andere als leichtgängige Ware sind. Zwischen den Einschlafhilfen einer Donna Leon und der atemberaubend präzisen Prosa eines Wolf Haas liegen Welten. Und dennoch wird es noch immer für frivol gehalten, sich von einem Buch fesseln, erregen, verführen und befriedigen zu lassen, wo es doch ansonsten allenthalben, in der Architektur und in der bildenden Kunst, im Theater und eben auch in der „ernsthaften“ Literatur darum gehen soll, dem Bürger seine Gemütlichkeit auszutreiben. Abarbeiten soll er sich, der Lump, nicht amüsieren, gar noch in eskapistischer Absicht.
So verklemmt wirkte lange Zeit auch der deutsche Krimi – wenn man „sowas“ eigentlich schon nicht lesen durfte, dann durfte man es erst recht nicht schreiben, es sei denn, man kleidete ihn in ein härenes Gewand und präsentierte ihn als sozialkritische Prosa, die nicht unterhalten, sondern belehren und aufklären soll. Und noch heute verkauft sich am besten der Krimi „mit Blubb“: also a bisserl a Sprachakrobatik oder ein paar Klassikerzitate müssen schon sein, und wer die Regeln nicht bricht, sollte doch wenigstens mit ihnen spielen.
Ich sag’s ja: verklemmt. Zur Sache selbst bekennt man sich nicht. Liegen die Wurzeln in der Geschichte? Denn der Kriminalroman ist (trotz Edgar Allan Poe und den anderen) eine urbritische Erfindung und war bis nach dem zweiten Weltkrieg dem deutschen Wesen durchaus fremd. Unser Kulturvolk mochte die Frivolität nicht, mit der britische Autoren etwas so Existentielles wie Mord und Tod zum Dreh- und Angelpunkt einer gesellschaftlichen Versuchsanordnung machten. Was uns heute britisch-bizarr vorkommt – exzentrische Adlige, Landhausszenarien, ermittelnde Genies anstelle mühsam arbeitender Polizisten – entspringt der urbritischen Neigung zum Spiel. Heute gelten dergleichen Spielanordnungen als wirklichkeitsfern – aber sind sie wirklich unrealistischer als die düsteren Berichte aus den Gedärmen der Gesellschaft, die sich als sozialkritischer Realismus geben?
Erst letzterer hat den Krimi bei uns in den 70er Jahren salonfähig gemacht, insbesondere die Bücher des schwedischen Erfolgspaars Maj Sjöjwall und Wahlöö, die galten als Gesellschaftskritik, das paßte zum Klassenkampf. So schlicht geht es heute nicht mehr zu. Aber das Mißverständnis, der Krimi sei die Speerspitze einer Gesellschaftsanalyse und dadurch geadelt, also zum Lesen tauglich gemacht, steht ihm noch heute im Weg – eine These, der die Erfolge einiger Skandinavier nur auf den ersten Blick widersprechen. Autoren wie Henning Mankell und Liza Marklund heben nicht ihre literarische Begabung und ein gelungenes Spannungshandwerk hervor, wenn sie von ihren Büchern reden, sondern ein gesellschaftliches Anliegen: zu zeigen, wie grausam es in der Welt zugeht.
Die Behauptung, solche Romane gäben die Realität wider, steht mit der Statistik gewißlich nicht in Einklang. Und daß Literatur erst dann lesbar wäre, wenn sie ein Anliegen vorzeigt, ist überaus bestreitbar. Literatur bildet nicht Wirklichkeit ab, sonst wäre sie Kolportage. Sie verdichtet Realität, höchstens. Vor allem kennt sie keinen Herrn – weshalb mir scheint, der Verweis auf die Realitätsnähe eines Krimis ist nichts als der gängige Vorwand für den verklemmten Krimileser. Das Genre selbst hat ihn nicht nötig.
Denn ein guter Roman mit Spannungsbogen, vulgo: Krimi, kann alles sein, was uns als Literatur seit dem Gilgamesh-Epos berührt. Er ist eine Versuchsanordnung, in der es um das Beste und die Bestie im Menschen geht: man setze eine Gruppen von Menschen existentiellem Stress aus – Krieg, Mord und Totschlag – und schaue, wer den Stoff zum Helden hat und wer sich als Schurke entpuppt. Ja, das große Drama von Mord und Sühne spielen wir uns heute vielleicht noch intensiver vor als früher – weil es uns im Lebensalltag normalerweise verschont. Entgegen dem Verkaufsargument einiger Krimiautoren leben wir, verglichen mit früheren Jahrhunderten, in außerordentlich friedlichen Zeiten. Dabei brauchen wir den existentiellen Konflikt, der uns den anderen erkennen läßt – und sei es in der Literatur. In diesem Sinn kann ein Krimi in der Tat der Gesellschaftsroman der Gegenwart sein.
Das Genre hat längst seine einst selbstgesetzten Grenzen überstiegen. Es gibt mehr zu entdecken, als die Edgar-Wallace-Übersetzungen aus den 50er Jahren erahnen ließen.

Erschienen in: Die Welt, 18. März 2005