Warum sich über manches Verhängnis nur ein Roman schreiben läßt.
Über die heilende Wirkung der Fiktion
 

Eine Frau sattelt in einer eiskalten Januarnacht ihr Pferd und macht sich auf den Weg durch tief verschneite Landschaft – vorbei an den Trecks flüchtender Menschen, am Wegesrand die kleinen Leichen erfrorener Kinder. Sie setzt über vereiste Flüsse, überwindet in Trümmer gelegte Dörfer und Brücken, überlebt Kälte, Hunger, Vergewaltigung und erreicht endlich, im Frühsommer, ihr Ziel – schwanger von einem ihrer Peiniger und mit dem unstillbaren Wunsch, das Unrecht zu sühnen...
Was für ein Stoff! Wenn er nicht in Deutschland im Januar 1945 spielte. Denn taugt eine Mischung aus Marion Gräfin Dönhoff und der Anonyma („Eine Frau aus Berlin“) zur Romanheldin – die eine ostpreußische Adelige, die andere Berliner Intellektuelle, beide auf unterschiedliche Weise deutsche Opfer am Ende des Zweiten Weltkriegs? Ein Drama auch noch mit Nachhaltigkeit, weil Vergewaltigungen Folgen haben können: Kinder?
Manche haben darauf eine klare Antwort. Einer, geboren irgendwann in den 60er Jahren, bestritt, als ich ihm von der Arbeit an „Russisch Blut“ erzählte, mit Abscheu in Stimme und Gesicht, daß hier mit einem Schicksal mitzufühlen wäre: Alle, Frauen wie Kinder, soweit sie nur deutsch waren, hätten verdient, was ihnen widerfuhr. Ein anderer, älterer Deutscher rückte weit nach Mitternacht plötzlich mit der Bezeichnung „Mördervolk“ für meine dramatis personae heraus. So weit würde noch nicht einmal eine britische Boulevardzeitung bei ihrer täglichen Hunnenschelte gehen.
An welche Instanz kann man gegen solche Empfindungen und Urteile appellieren? Soll man an Völker- und Menschenrecht erinnern, das Mißhandlungen der Zivilbevölkerung, Vertreibung, „ethnische Säuberung“ nicht billigt, auch nicht gegenüber einem besonders grausamen Feind, auch nicht aus nachvollziehbaren Rachegefühlen? Daran, daß kaum jemand von „Kollektivschuld“ oder „Tätervolk“ reden würde – außer den Deutschen? An gewöhnliches menschliches Mitleid?
Oder daran, was ein Roman darf – nämlich zum Mitfühlen und Miterleben einladen? Hätte ich eine Warnung vorausschicken sollen, zum Beispiel: „Die Romanautorin ist nicht verpflichtet, eine ausgewogene Gesamtschau zu geben und auch nicht, lediglich politisch korrekte Helden vorzuführen“?
Oder hätte es geholfen, wenn ich Kurt Vonnegut zitiert hätte? Der amerikanische Schriftsteller, der die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 als Gefangener in einem der Schlachthöfe überlebt hat und Jahrzehnte brauchte, um darüber schreiben zu können– denn was lasse sich über ein Blutbad schon Gescheites sagen? – Kurt Vonnegut also berichtet im Nachwort zu „Slaughterhouse 5“, er habe auf einer Party von seinem Vorhaben erzählt. Auf den Einwand eines empörten Amerikaners, die Deutschen hätten schließlich KZ gebaut, antwortete er: „I know. I know. I know.“
Gewaltsam vertriebene Familien, vergewaltigte Frauen, im Feuersturm in Dresden oder Hamburg verkochte Zivilbevölkerung – die deutschen Schriftsteller hätten solche Schicksale nie ausreichend literarisch verarbeitet, behauptete vor wenigen Jahren W. G. Sebald. Es fanden sich nicht eben wenige Gegenbeweise zu seiner These. Dennoch habe ich nie daran gezweifelt, daß er etwas ganz Unbestreitbares gespürt hat. Sicher, es hat Bücher zum Thema gegeben. Aber in der jüngeren Nachkriegsgeneration saß und sitzt das Tabu tief – und es spiegelt sich noch jüngst in der Bemerkung des Historikers Norbert Frei, der angesichts „erstaunlich unpolitischer“ Familiengeschichten argwöhnt, neuerdings versuche man „im Medium des Familienromans die Umcodierung des Vergangenheitsdiskurses“ zu betreiben – nun stünden im Zentrum die Deutschen als Opfer. Als ob nicht beides ginge: sich der Täterschaft ebenso bewußt zu sein wie der Opfer...
Ich selbst gehöre zu denjenigen, die die Tatsache von Flucht und Vertreibung aus den „deutschen Ostgebieten“ (wo immer die lagen) zur Kenntnis genommen haben, ohne sich für die Details zu interessieren. Vielleicht, weil meine Eltern, die es gerade noch rechtzeitig in den Westen geschafft haben, anpassungsbereit und intregrationswillig bis zur Selbstverleugnung waren, überlebenstüchtig eben: da wurde keiner Heimat hinterhergejammert. Vielleicht, weil meine eigene, von der Studentenbewegung geprägte Generation bereit war, die deutsche Teilung als gerechte Strafe für Auschwitz zu akzeptieren, ohne zu bedenken, welch Zeugnis sie damit den ehemaligen Kriegsgegnern ausstellte. Sicherlich auch, weil die friedensbewegten Jahrzehnte bis 1989 vom Appeasement der Sowjetunion getragen war: da blieb streng tabu, was die aus deren Herrschaftsbereich geflüchteten Dissidenten über Terror und Unterdrückung berichteten. Noch heute wird in Festtagsreden gern ausgespart, daß der so opferreiche Sieg über Hitler nur einem privilegierten Teil Deutschlands die Befreiung brachte. Für die anderen Deutschen, für die Polen, die Tschechen, die Ungarn ging es direkt vom Regen in die Traufe.
Und wie sich wohl die Befreiung für all die Mädchen und Frauen anfühlte, die von den Soldaten der vormarschierenden Roten Armee vergewaltigt wurden? Noch vor fünfzehn Jahren löste das Thema Skandalisierung und Empörung aus, als die Filmemacherin Helke Sander es aufgriff – es wurde entweder gerechtfertigt oder geleugnet.
Doch daß das solcherarts Verdrängte zur großen europäischen Erzählung gehört, haben uns längst andere, amerikanische oder englische Schriftsteller gezeigt – nicht nur in den Kalte-Kriegs-Epen von Len Deighton oder John Le Carré. Und auch hier werden keineswegs bloß die alten Schlachten nachgestellt, sondern durchweg unbequeme Themen angeschnitten – man denke an Robert Harris’ „Fatherland“, das den Antisemitismus amerikanischer Eliten anschneidet, am Beispiel von Joseph Kennedy. Und dem es in „Enigma“ um die Ambivalenz der westlichen Hitlergegner in dem schwierigen Bündnis mit Stalin geht: Der Roman kreist um die Verzweiflung eines in der Emigration gegen Hitler kämpfenden Polen, der erfahren muß, daß die Briten aus Rücksicht auf Stalin das Massaker an der polnischen Militärelite in Katyn verschwiegen. Und in ihrem jüngsten Roman läßt Elizabeth George die Kollaboration mit den Deutschen, in Frankreich und auf der Insel Guernsey, bis in die Gegenwart hineinwirken.
Vonnegut, Elizabeth George oder eben Robert Harris – sie alle spüren im Zweiten Weltkrieg der Tragödie des Individuums nach, das in die Mühle strategischer Notwendigkeiten gerät. Wenn das kein Romanstoff ist.
Ein Roman insistiert auf dem Einzelfall. Da in den Politsekten, in denen viele meiner Generation prägende Jahre verlebt haben, das Verhältnis zur conditio humanae von der wegwerfenden Bemerkung bestimmt war: „Das ist ein Einzelschicksal“, geht uns also vor der Geschichte nichts an, empfinde ich es als großes Glück, nicht allzu spät im Leben vom Abstrakten zum Konkreten vorwärtsgeschritten zu sein.
Darf man also das Schicksal einer im Januar 1945 aus Ostpreußen flüchtenden Frau mit der einer in den 80er Jahren aus Jugoslawien geflohenen und 1991 zu ihrem Unglück zunächst dorthin zurückgekehrten jüngeren Frau in einem Roman beschreiben, zusammenbringen und damit ja „vergleichen“? Man darf! Man soll! Das eine gehört eben auch zur deutschen Geschichte, über die man an allen Ecken und Enden stolpert, selbst wenn man „eigentlich“ nur nach einem Schauplatz sucht, den ich dort fand, wo man bis zur Wende nicht suchen konnte: im Sperrgebiet der ehemaligen Zonengrenze. Das andere gehört zur europäischen Geschichte nach der Wende und hat selbst die friedensliebenden Deutschen zu einem Kreuzzug fürs Menschenrecht veranlaßt.
Seit Anfang Oktober lese ich aus „Russisch Blut“, vor allem aus dem ersten Teil, in dem die eine meiner beiden Heldinnen, Mathilde v. Bergen, im eisigkalten Januar 1945 von Ostpreußen Richtung Westen zieht, mit den Trecks der Flüchtlingsmassen und an ihnen vorbei. In einer der ersten Reihen im Publikum sitzt eine Frau, die das passende Alter haben könnte. Ich setze die Brille ab zum Lesen, aber ich kann erkennen, daß sie mir konzentriert folgt. „Woher wissen Sie das?“ fragt sie nach der Lesung. „Sie können nicht dabei gewesen sein.“
Aber sie. Flucht aus Schlesien, als Sechsjährige.
Während der nächsten Lesung erzählt eine andere, sie habe den Treck aus Ostpreußen durchgestanden. Eine weitere hat ihn verpaßt und den Einmarsch der Russen in Elbling erlebt. Keine der Frauen ließ erkennen, daß sie auf „Umcodierung“, auf „Aufrechnung“ oder „Relativierung“ Wert legte. Sie wirkten fast, als hätten sie wenig Erfahrung mit der Berichterstattung in eigener Sache.
„Bücher“, sagt Peter Esterházy, „erzählen Geschichten, damit man die eigene Geschichte nicht erzählen muß.“ Das ist der Vorzug der Fiktion.

P.S. Ein deutscher Professor erzählte mir, daß seinem Vater als Achtjährigem die Flucht aus Theresienstadt gelungen sei. Es will mir nicht in den Kopf, wieso Mitgefühl mit dem kleinen jüdischen Jungen das Mitleid mit einem sechsjährigen schlesischen Mädchen ausschließen sollte – oder umgekehrt. Das Herz der meisten Menschen ist groß genug.

erschienen in: Literarische Welt, Beilage der Welt, 18. Dezember 2004