„Schweinsbraten?“ fragte der Wirt. „Schweinsbraten“, bestätigte Polt. „Schweinsbraten!“ rief Martin Stelzer, damit auch seine Frau in der Küche Bescheid wußte.
Es gibt keinen spannenderen Tatort als die Provinz. Damit soll nichts gesagt werden gegen einen anständigen Asphaltkrimi mit Mord und Totschlag im Milieu, mit depressiven Ermittlern samt Alkoholproblemen und Beziehungsnöten, mit Blaulicht und Martinshorn und den aktuellen Verbrechen der globalen Welt rund um Bahnhof, Flugplatz und Bankenviertel. Wer wollte bestreiten, daß es die Städte sind, in denen sich internationale Verbrecherbanden tummeln und wo man den Kapitalismus in seiner Spätphase am schönsten gesellschaftskritisch abhandeln kann? Aber wer es näher an der Wirklichkeit und der Statistik mag, der schaut aufs Land. Dort findet statt, was im Leben der meisten Menschen eine größere Rolle spielt als Drogenkrieg und Wirtschaftskriminalität, als Politthriller und Verschwörungsszenarien: Das Beziehungsdrama, geboren aus Leidenschaften und Familienfehden, aus allzu enger Gegenwart und handgreiflicher Vergangenheit. Auf dem Land entspringt das Verbrechen der Nähe, nicht den abstrakteren Motiven wie Geldgier und Machtspiel. Vielleicht nicht alles über „die“ Gesellschaft, wohl aber das meiste über menschliche Gemeinschaft erfährt man da, wo man im Konfliktfall nicht flüchten, sondern standhalten muß; wo Geschichte gegenwärtig ist und die Täter und Opfer persönlich bekannt sind – im Dorf, in der Kleinstadt, dort eben, wo jeder jeden kennt. Wo geliebt und verzweifelt wird, wo Menschen mit ihren Eigenarten samt Zwangsneurosen und kulturellen Normen aufeinanderstoßen. Wo Nähe das wirklich Gefährliche ist, und nicht jene vielberufene Anonymität und Einsamkeit, die angeblich für die Moderne steht und deshalb reihenweise Serienmörder gebiert. Agatha Christie wußte darum: St. Mary’s Mead ist überall. Krimis haben was mit Gesellschaft zu tun, gewiß. Oft spiegeln sie indes nur, was ihre Autoren für Gesellschaft halten. Und seltsam: die Vorstellung, daß das Verbrechen in der Großstadt wohnt, deckt sich mit dem Reflex der Landbewohner, alles Böse auf die Fremden zu schieben, auf die Stadt, die als Vorbild und als Brutstätte in die kontrollierte Landidylle ausgreift. Das ist, natürlich, ein Klischee, aber in der dörflichen Wirklichkeit spielt es eine überlebensnotwendigeRolle: Verbrechen gehen an die Textur einer so engen Gemeinschaft, sie stellen gleich alles infrage – im Unterschied zum Leben in der Stadt, wo man fürs Flüchten optieren darf, wenn man nicht standhalten kann. Der Provinzkrimi wird hierzulande – trotz des Erfolgs von Regionalkrimis, beispielhaft Jacques Berndorfs erfolgreiche Eifel-Serie – noch viel zu oft dem Kunstprodukt „Landhauskrimi“ zugeschlagen, einer Gattungsform, die insbesondere die Angelsachsen pflegten und der man seit der Kritik Raymond Chandlers in den 40er Jahren die Vorlie-be fürs Pittoreske und Skurrile und für untergehende Stände wie den Adel unterstellt sowie eine heitere Vernachlässigung von Logik und Realität. Seither gilt der Asphalt-krimi, die großstädtische Elegie, als Königsweg. Das paßt zu der binnendeutschen Neigung, seit Karl Marx und Ferdinand Lassalle die Provinz und das Dorf generell unter die Verhältnisse zu zählen, die unter der anbrandenden Moderne verdampfen. Wer über Trends und Lifestyle diskutiert, über die Veränderung von Sitten und Gebräuchen, über Multikulti und die Öffnung zum Globalen, redet von städtischen Kulturen. Die ländliche Existenz gilt seit der ersten Sichtung eines Industrieproletariers als aussterbend, ja als wert, unterzugehen. Für die Sozialdemokratie des 19. Jahrhunderts waren Land und Bauerntum bereits weganalysiert, man empfahl den potentiellen Wählern in der Provinz, sich selbst abzuschaffen, um der Segnungen der proletarischen Vergesellschaftung teil-haftig zu werden. Die Bauern bedankten sich auf ihre Weise. Doch trotz der tiefgreifenden Veränderungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es noch heute das Dorf mit seiner Mischung aus Kleingewerblern und Sozialhilfeempfängern, Nebenerwerbs- und Großbauern, Pendlern und Stadtflüchtlingen, das, im Unterschied zu den Schlafvororten der Städte, ein echtes Dorfleben kennt. Der Hang zum Verwechseln einer Tendenz mit der Realität ist davon unbeeindruckt. Er äußert sich noch im Klappentextklischee von der dörflichen Idylle, in die das Verbrechen hineinfährt wie der Blitz in die Buche. Niemand, der auf dem Dorf lebt, würde gleich Idylle unterstellen, wo sich lediglich Vorzug und Nachteil der Nähe die Hand reichen. Prompt leitet das Klischee vom Landhauskrimi über in das vom Frauenkrimi: ist Beziehungsarbeit, Klatsch und Nähe nicht das natürliche Habitat der Frau? Ist es nicht. Die wunderbarsten Botschaften vom Leben auf dem Dorf stammen von einem Mann. Alfred Komareks vier Berichte aus dem Leben des Landgendarmen Simon Polt, der im österreichischen Weinviertel Recht und Gesetz so verwaltet, daß die Wahrheit an den Tag kommen darf, ohne daß die Gemeinschaft zerspringt, geben Nachricht vom Fortbestehen des Untergehenden. Simon Polt ist der Prototyp eines Dorfbullen, wie ihn ein moderner Rechtsstaat ungern sieht – und das nicht ganz ohne Grund. Im Radfahrer Polt, der die Landschaft ihn sich aufnimmt wie beim Liebesakt, dessen Preis für die intime Kenntnis seines Sprengels im andauernden Würdigen des Inhalts großer Fässer in den Weinkellern der Männer zu entrichten ist und der noch im innigsten Schweigen zu zweit, auf das Männer sich so gut verstehen, zu lesen vermag, kommen Landschaft, Menschen und Rechtsstaat zusammen wie einst unter der benevolenten Ägide eines Pat-riarchen. Polt kennt die Ausflucht, alles Böse werde durch die Städter in die intakte ländliche Gemeinschaft hineingetragen. Aber er weiß und fürchtet: der Täter ist einer von uns. Nicht, wie bei Henning Mankell, in moralischer und weltverbessernder Absicht, sondern in tiefer Resignation über die Unzulänglichkeit der Menschen sieht er seine Aufgabe nicht im Überführen der Täter, sondern im Aufrechterhalten der dörflichen Balance. Polt ermittelt intuitiv, er versteht. Er tut das, was die Organe der Rechtspflege nicht tun sollten: er verfährt nach eigenen Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit. Konsequent nimmt er seinen Abschied, als ein neuer Amtsleiter Regeltreue, gesicherte Ermittlungsroutine und wissenschaftliche Objektivität von ihm fordert. Dabei zerreißt es den Gendarmen fast, Recht und Gesetz hintanzustellen zugunsten des Überlebens der Gemeinschaft. Aber er tut es. Als Treuegelöbnis an den Rechtsstaat sind die Polt-Krimis also nicht zu lesen. Schon eher als Liebeserklärungen an das Winzermilieu, an dieses „unverschämt sinnliche Männerparadies“, geprägt von wortkargen Typen von „bedächtiger Leidenschaft“. An eine Landschaft, die leuchtet und wuchert und in der das Fell einer Katze nach „Sünde und Zigeunerleben“ riecht. Daß dies eine Idylle sei, um die man fürchten müsse und die man zugleich zu fürchten habe, mutmaßte ein Kritiker. Das eine wie das andere trifft sicherlich nicht zu. Aber wer diese Welt in ihren rührenden und abschreckenden Seiten nicht wahrnimmt, sieht nur das halbe Leben. Die größere Hälfte ist Provinz.
Alle Zitate aus: Alfred Komarek, Polt muß weinen (1998), Blumen für Polt (2000), Himmel, Polt und Hölle (2001), Polterabend (2003).
Erschienen in: Die Literarische Welt, Wochendbeilage der „Welt“, 4. Oktober 2003
© Anne Chaplet 2003
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