|
Emotionslos. Naja - das hat schon wieder was, seit bärtige Männer einen bei jeder Gelegenheit mit ihren verletzten Gefühlen behelligen, mal abgesehen davon, daß der Kerl nicht hübscher wird, wenn er zu lächeln versucht. Stimmt irgendwas nicht mit der Prothese?
Ach, die Wiederbegegnung mit einer Kultfigur kann lästig sein. Was ist bloß dran an Humphrey Bogart, diesem Mann, von dessen „here’s looking at you, kid“ alle schwärmten, früher? („Ich seh dir in die Augen, Kleines“ – Casablanca!) Der Film, der 1941, ein Jahr vor „Casablanca“, seinen Kult begründete, „Die Spur des Falken“ (The Maltese Falcon, Regie: John Huston) enthüllt dem nicht von Nostalgie umflorten Blick ein zum Chargieren gezwungenen Schauspieler, dessen mimisches und gestisches Repertoire sich auf eine gefurchte Stirn, ein erschreckendes Haifischlächeln, ein nervöses Zusammenkneifen der Augen beschränkt, sofern er sich nicht gerade an die Unterlippe grabscht oder mit den Fingern schnippt und den Zeigefinger vorschnellen läßt. Und wenn er sich aufs Kaminsims stützt mit den Ellenbogen, sieht das aus, als ob man den Kerl zum Trocknen aufgehängt hätte.
Sogar die Wutausbrüche unseres Helden wirken in der Filmästhetik der 40er Jahre gekünstelt: da schnellen im permanenten overacting die Fäuste vor, werden Whiskygläser an die Wand geworfen und Türen geknallt, als wär’s eine daily soap. Und nichts ist fürchterlicher, als wenn der Typ sich mit hochgezogenen Schultern über die Heldin beugt und seine schmalen Lippen auf die ihren preßt. Ein Versprechen sieht anders aus.
Die Frisur – gut, das trug man damals so: Seitenscheitel, alles streng aus dem Gesicht gesträhnt und mit Pomade festgeklebt. Über die Anzüge reden wir nicht. Und auch nicht über die Stimme, für die kann er nichts, das war der deutsche Synchronsprecher. Und die Dialoge? Schweigen wir von Organen der Rechtspflege, die drohend „…aber wir kommen wieder“ sagen. Der einzig wirklich treffende Satz in der „Spur des Falken“ stammt von Bogey selbst, Sam Spade auf den Punkt gebracht: „Die Umgangsformen müssen Sie schon mir überlassen!“
So siehts aus. Und das war unser Held?
Zugegeben: schöne braune Augen hat er! Und der Schlußsatz aus dem „Falken“ – „Ein Stoff, aus dem man Träume macht“, das hat doch etwas, so was shakespearemäßiges, oder? Es gab ja auch noch andere Filme, vor allem jene mit der unvergleichlichen Lauren Bacall. Außerdem war da „Casablanca“, Ingrid Bergman und „Play it again, Sam“ bis zum Abwinken. Schließlich: warum feinsinnige Intellektuelle früher von Italo-Western schwärmten, ist auch nicht mehr recht nachzuvollziehen.
Auch Kultfiguren sind vergänglich. Und was kann Humphrey Bogart dafür, wenn er mit einem Männerbild identifiziert wird, das schon bei der Wiederentdeckung der alten Bogey-Filme rührend anachronistisch war? Viele Frauengestalten hatten im amerikanischen Kino der 40er Jahre weit mehr Format. Sie können nicht nur Zigaretten drehen, wie Lee Patrick als Spades Sekretärin, sie haben auch, obwohl Bogart sie Goldschatz und Herzchen nennen muß, weit mehr in der Birne als der kleine Mistkerl von Privatdetektiv, dem man den Frauenhelden nicht abnimmt.
„Die Spur des Falken“ wurde während des Zweiten Weltkriegs gedreht, nach einem Roman von Dashiell Hammett. Mit dessen schmalem Werk und den Romanen von Raymond Chandler wird der amerikanische „realistische“ Kriminalroman identifiziert. Hier sind die Ermittler, in diesem Fall der Privatdetektiv Sam Spade, keine strahlenden Helden, sondern undurchsichtige Kerle, die sich bei ihrem Streben nach Gerechtigkeit nicht anständiger benehmen als ihre Antagonisten. „Hard boiled“ war die amerikanische Antwort auf den Krimi aus Großbritannien, dem Raymond Chandler mißlaunig unterstellte, eine Vorliebe für Pfarrhäuser und untergehende Stände wie skurrile Adelige mit souveräner Vernachlässigung von Logik und Realität zu verbinden.
„Realistische“ Asphaltliteratur aber durfte man in den 60er Jahren endlich auch in der alten Bundesrepublik lesen, selbst bei den linken Bildungsbürgern, die Unterhaltungsliteratur, vor allem „Krimis“, für Schund, mindestens aber für „eskapistisch“ hielten, sofern dort nicht die Sozialkritik das heiligste aller Anliegen war. Heute indes kommt einem vieles am amerikanischen Großstadtkrimi nicht weniger klischeehaft vor als die skurrilen Adligen britischer Crime Ladies – dabei sprach gegen Lord Peter Wimsey schon damals höchstens, daß eine solche Figur in Amerika nicht möglich war. Ansonsten zeichneten sich gerade die Romane von Dorothy Sayers durch große Wirklichkeitsnähe aus – die Gestalt der Miss Climpson, mit denen Sayers all den Frauen ein Denkmal setzte, denen aufgrund der hohen Verluste passender junger Männer im Ersten Weltkrieg nichts anderes übrig blieb, als unverheiratet für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen, ist weit realistischer als die der vielen amerikanischen pelzgeschmückten Gaunerinnen. Daß nur überlebt, wer sich an die Regeln der Gesellschaft nicht hält, ist nicht weniger ein Klischee wie das des sozial unauffällig strickenden Ermittlergenies Miss Marple. Was ist schon realistisch? Auch „Bogey“ ist eine Kunstfigur. Natürlich.
Bleibt also nichts von ihm, dem kleinen großen Mann? Aber sicher. Nicht zuletzt eine der schönsten Liedzeilen aus dem legendären Jahr 1969: „Don’t bogart that joint, my friend/Pass it over to me“. Fraternity of Men. Easyrider von Dennis Hopper mit Peter Fonda. Auch Kult. Mal sehn, was davon nach sechzig Jahren übriggeblieben ist.
|