|
Hauptkommissar Gregor Kosinski ließ sich in den Beifahrersitz des Streifenwagens fallen und hoffte auf einen kurzen Einsatz. Die Zentrale hatte einen Familienstreit gemeldet, in Kirschgarten, sechzehn Kilometer von hier. Typisch für Heiligabend, aber selten so schlimm wie es sich anhörte.
Schneeflocken tanzten vor der Windschutzscheibe und drifteten vorbei. Es schneite seit Tagen, pünktlich zu Weihnachten, genau wie letztes Jahr. Hatten sie nicht kürzlich noch alle behauptet, mit den kalten Wintern sei es vorbei? Sahara in deutschen Mittelgebirgen? Prognosen sind eben selten verläßlich, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen, dachte Kosinski und grinste in sich hinein.
Er schielte zu seinem Fahrer hinüber. Attila fuhr den Streifenwagen heute so sanft und liebevoll wie ein Vater den Kinderwagen schob. Das tat er keineswegs immer, vor allem nicht, wenn es einen Einsatz gab. Nur, wenn die Straßenlage es erforderte. Schon deshalb mußte man dankbar sein für den Schnee. Auf die meisten Vorkommnisse, die polizeiliche Aufmerksamkeit erfordern, wirkt Schnee dämpfend. Mehr Schnee hieß weniger Diebstahls- und Einbruchsdelikte. Und bei verschneiten Straßen waren weniger jugendliche Autofahrer unterwegs, nachts, besoffen, auf dem Nachhauseweg von der Disco. Im Sommer dagegen gab es ständig frische Holzkreuze am Straßenrand, wo Timo, Markus oder Maximilian sich totgefahren und Nicole, Lena oder Eileen mitgenommen hatten.
Attila räusperte sich. Kosinski versuchte die Aufforderung zu überhören. Oberkommissar Attila Gümüs – „wie Gemüse, nur vorn mit einem e mehr und hinten mit einem weniger“ – war der beste Partner, mit dem er jemals unterwegs gewesen war. Unentbehrlich, unersetzlich, das Salz in der Suppe und die Sonne meines Lebensabends, dachte er. Attila hatte nur einen Fehler. Er redete zu viel.
Attila räusperte sich wieder. Kosinski sah ein zufriedenes Lächeln um seine Mundwinkel spielen. Mußte ja ein frohes Fest gewesen sein. Seufzend setzte er sich auf. Man brachte es wohl besser hinter sich.
„Also – wie war sie?“
„Superb.“ Attila küßte mit großer Geste die Fingerspitzen seiner rechten Hand. Attilas Freundin hatte viele Vorzüge, aber vor allem kochte sie, und das offenbar meisterhaft. Attila erzählte jeden Montag von Orgien am Wochenende. Man sah ihm mittlerweile an, worin diese Orgien bestanden.
„Wir hatten Foie Gras an kleinen Salaten als Vorspeise, danach gab es Coquille St. Jacques und als Hauptgang ...“
Kosinski schloß die Augen und ließ Kalbsbries, karamelisierte Rote Beete, glasierte Karotten mit Koriander, Morcheln und Trüffelrisotto an seinen Ohren vorbeischweben. Attila war noch nicht einmal beim Nachtisch. Das konnte also dauern.
„Und du?“
Er schreckte auf. „Was ich?“
„Wie war’s bei dir?“
„Och, wie immer.“ Heiligabend gab’s Würstchen mit Kartoffelsalat. Wie jedes Jahr. Ein Festessen fand nur am ersten Weihnachtstag statt, das hielten viele so in dieser Gegend. Seit ein paar Jahren verzichtete man bei Kosinskis selbst darauf – seit Petra einmal vorsichtig bemerkt hatte, daß sie nicht unbedingt auf Gans mit Rotkohl und Knödel bestehe. Beate wäre ihrer Tochter fast um den Hals gefallen. Er auch. Endlich Schluß mit zäh und fettig. Und mit geheiligten Traditionen: Gänsebraten hatte es bei Beates Mutter und seiner Mutter und deren Müttern gegeben, als eine Gans noch kein Vermögen kostete, weil man sie mit Küchenabfällen selbst großgezogen hatte. Doch das war Geschichte.
„Ich habe nicht viel versäumt“, sagte er. „Wir waren schon fertig mit dem Essen.“
Der Anruf hatte ihn um elf erreicht, da saßen Beate und er bereits vorm Fernseher. Beate war es gewohnt, daß er abends noch mal raus mußte. Und ihn selbst hätte es gewundert, wenn ausgerechnet an diesem 24. Dezember nichts passiert wäre.
Attila seufzte. „Ich schon. Den Nachtisch. Es hätte heute ruhig mal ohne brennende Weihnachtsbäume, abgefackelte Festtagsbraten, Alkoholvergiftungen und Familienstreit abgehen dürfen.“
„Sei doch froh, daß die in Kirschgarten sich nicht schon vor dem Essen gestritten haben“, sagte Kosinski und gähnte.
„Schon seltsam, euer Fest der Liebe, des Friedens und der heiligen Familie. Es geht irgendwie nie ohne Krach und Streit ab, oder?“
Attila redete nicht nur ein bißchen viel. Er hatte auch Vorurteile. Dabei hatte der Kerl unter Garantie nie zu Weihnachten Gedichte aufsagen oder Flöte spielen müssen. Hatte nie erlebt, wie Mutter immer das Falsche geschenkt bekam und Vater immer schon vor dem Essen einen in der Krone hatte. Konnte also gar nicht mitreden.
„Was hast du gegen die deutsche Familie“, sagte Kosinski milde. „Bei uns gibt es jedenfalls normalerweise ...“
„Keine Ehrenmorde und keine Blutrache. Danke, ich weiß schon selbst, warum ich Deutscher bin.“
|