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Kühl war es geworden in den letzten Tagen. Katalina blinzelte in die altersmilde Morgensonne und dachte an Herbst und Abschied. Es wurde Zeit, Blanckenburg zu verlassen. Höchste Zeit.
Sie ließ Zeus von der Leine und folgte ihm in den Schloßpark. Der Hund schnürte im Zickzack über den Weg, die Nase hier und dort im Gestrüpp am Wegesrand, über dem sich die Zweige der Wildrosen unter der Last dunkelroter Hagebutten bogen. Es roch nach feuchtem Waldboden unter dem Blätterdach der verschorften und zerborstenen Baumveteranen. Das würde sie am meisten vermissen: die Spaziergänge morgens und manchmal noch spätabends durch den Park.
Doch sie war nicht wegen der Naturschönheiten geblieben. So lange. So viel länger als üblich.
Zu lange.
Der Weg führte immer tiefer hinein in ein ungeordnetes Stilleben von Baumriesen. Ein Schwarm von Herbstfliegen fiel torkelnd über sie her und drehte wieder ab. Katalina ging langsamer, um den Moment auszukosten: Hinter der Wegbiegung traten die zottigen Giganten unverhofft zurück, und der Blick öffnete sich auf eine weite Wiesenfläche, hinter der es in die Tiefe ging. Schloß Blanckenburg und sein Park lagen auf einem Felsen hoch über der Stadt, von hier aus überblickte man die Landschaft bis zum Horizont. Und am Horizont hockte der Harz mit dem sagenumwobenen Brocken, auf dem sich die Hexen zur Walpurgisnacht trafen.
Zeus, der von einer verlockenden Fährte im Park aufgehalten worden war, stürmte heran, an ihr vorbei und hinaus auf das lichte Plateau. Katalina folgte langsamer, setzte die Füße fast liebevoll in die Rasendaunen. Dieser Platz war wie geschaffen für Brockengeister und ihre Tänze. Sie bekreuzigte sich gegen den Zauber dieser ketzerischen Vorstellung, Schließlich hatte es hier nicht immer einfach nur eine ebene Rasenfläche gegeben. Bis kurz nach dem Krieg erhob sich an diesem Ort eine Kirche, die Schloßkirche von Blanckenburg. Jetzt lagen deren zertrümmerte Überreste unter dem Rasen, meterhoch aufgeschichtet über der Krypta und den Sarkophagen mit den Toten.
Katalina zögerte. Noch immer schreckte sie die Vorstellung, über Gräber zu gehen; insbesondere über diese uralte Grabkammer. Sie machte einen Schritt zur Seite. Die Krypta gab es noch, und es gab auch einen Weg hinein – man mußte ihn nur kennen.
Zeus hielt sich jetzt neben ihr, während sie weiterging. Als im Sommer 1945 die Kirche gesprengt und der Boden planiert wurde, hatte man ein paar uralte Steine vom ehemaligen Friedhof stehengelassen. Wenigstens sie erinnerten noch an eine Vergangenheit, die zurückreichte bis ins 12. Jahrhundert. Fast achthundert Jahre. Unvorstellbar.
Katalina hatte sich angewöhnt, die Worte ihrer Großmutter zu murmeln, wenn sie sich den verwitterten Grabsteinen näherte. Großmutter pflegte beim Anblick eines Grabes stets höheren Schutz anzurufen. Wenn sie noch gelebt hätte, als Jugoslawien auseinanderbrach, beim gegenseitigen Schlachten und Morden, beim Verscharren der Leichen in Massengräbern – wenn sie das noch erlebt hätte, wäre viel zu tun gewesen für die jeweils zuständigen Heiligen.
Es war nicht gut, an einem Ort zu leben, an dem man auf Schritt und Tritt Vergangenheit atmet. Da mochten sie sagen, was sie wollen: daß man nicht verdrängen dürfe, daß man sich erinnern müsse. Aber sie empfand das anders. Es war wohltuend zu vergessen. Man mußte vergessen. Sie wollte vergessen.
Ein weiterer Grund zu gehen.
Katalina fuhr sich durchs cihte dunkle Haar und setzte sich wieder in Bewegung. Früher war sie stets schon fort, bevor es auch nur anfing, nach Heimat zu riechen, oder sie einen Hauch jener unsichtbaren Netze spürte, die umgarnen, verführen, festhalten. Katalina Cavic hieß: immer auf der Flucht. Seit sie 1982 das erste Mal Glogovac verlassen hatte, ehemals Schutzberg, später eine jugoslawische Kleinstadt, heute bosnisch. Als Tierärztin hatte sie sich angewöhnt, ihre Wirkungsstätte eher früher als später zu wechseln. Umso verdächtiger, daß sie jetzt schon seit fast drei Jahren Beichtmutter aller Haustierbesitzer im romantischen Blanckenburg im Harz war.
Auf den Spitzen der Grashalme wiegten sich glitzernde Tautropfen. Sie sah in die bernsteintreuen Hundeaugen von Zeus und lächelte zurück. Dann hob sie den Blick. Ein Rebhuhn trippelte über die Wiese und stieg knatternd auf. Zeus muckte, blieb aber sitzen. Von der Stadt her klang das Achtuhrläuten von St. Bartholomäus herauf. Vor ihr lag die Wiese im Schatten, rechts die Grabsteine, kein Stein vom Morgenlicht berührt. Und daneben...
Jetzt ist es soweit, dachte sie. Du hast Visionen.
Die langen weißen Haare, die eine weiche Brise packte und auffächerte. Das weiße Gewand, eine Tunika über einer Hose. Die feinen Nebelschwaden, die aus der feuchten Wiese wie Weihrauchschleier aufstiegen und die Gestalt umhüllten, die breitbeinig dastand, das eine Bein angewinkelt, das andere gestreckt. Der linke Arm war auf das Knie des angewinkelten Beins gestützt, der rechte streckte sich, mit der Handfläche voraus, der aufgehenden Sonne entgegen.
Zeus hob das Hinterteil und bewegte die Rute, langsam, bedächtig. Katalina verstand seine Sprache, sie beide hatten schnell gelernt, seit sie ihn eines Abends als Hundebaby in einem Karton vor ihrer Haustür gefunden hatte. Er drückte sich so präzise aus wie kein anderer Hund.
Ich bin interessiert und beunruhigt, signalisierte die Rute. Da ist etwas... es ist fremd... man sollte es untersuchen... Seine Schnauze hob sich, die Nasenspitze bewegte sich. Aber es könnte auch – gefährlich sein... Er senkte die Schnauze wieder.
Dann sah auch sie es, das, was der weißen Gestalt gegenübersaß, aufrecht, aufmerksam und reglos.
Der Schakal. Schwarz, mit spitzer Schnauze und spitzen Ohren. Anubis, Sohn des Osiris, Gott der Toten, der die Fürbitte für sie entgegennimmt. „Heilige Jungfrau von Medjogorje“, flüsterte Katalina und fügte vorsichtshalber noch Sveti Ante hinzu, den heiligen Antonius von Padua, ein Mann für alle Fälle. In ebendieser Sekunde berührten die Strahlen der Morgensonne den Scheitel des größten der Grabsteine und bekränzten Anubis.
Die weiße Gestalt stand noch im Schatten. Wie eine Skulptur. Ein Götzenbild. Eine altägyptische Hohepriesterin. Wie etwas Uraltes, aufgestiegen aus der Krypta unter ihren Füßen. Und dann drehte sie sich, wandte Katalina langsam das Gesicht zu, ein Gesicht mit dunklen Tälern und scharfen Kanten unter den weißen Haaren, darin Spuren von Schönheit und Ebenmaß. Ein Gesicht, dessen Augen geschlossen zu sein schienen. Katalina hielt die Luft an.
Im nächsten Moment war die Vision vorbei. Anubis verwandelte sich in einen schwarzen Schäferhund, der sich niedersinken ließ und den Kopf auf die Vorderpfoten legte. Er trug ein weißgelbes Ledergeschirr, das Katalina vertraut war. Ein Hund, der so etwas trug, war etwas Besonderes. Anubis, der Gott der Toten, begegnete dem Reich der Lebenden als Blindenhund. Und die Gestalt, die sich in einer fließenden Bewegung wieder von Katalina abgewandt hatte, konnte nicht sehen.
Sie trat ein paar Schritte zurück. Selbst der sonst so neugierige Zeus schien die Magie der Szene zu spüren und folgte ihr bereitwillig, fort von der Wiese, die jetzt im frischen Sonnenlicht schimmerte. Katalina fröstelte. Was für ein starker Zauber. Die weiße Frau übte ihren Kult ausgerechnet über der Stelle aus, unter der die Krypta lag. Und der schwarze Hund hatte direkt vor dem größten und ältesten der Grabsteine gesessen.
Natürlich ein Zufall, alles andere wäre Aberglauben.
Natürlich, tönte ein spöttisches Echo in ihrem Inneren.
Auf dem Rückweg ging sie am Schloß vorbei. Die Sonne stand inzwischen hoch genug, um hier und da das Blätterdach der alten Bäume zu durchdringen, das sie so eifersüchtig zusammenhielten. Zeus trabte ebenso entschlossen nach Hause, wie er vorhin nach dem allmorgendlichen Spaziergang verlangt hatte. Nur Katalina zögerte, sie kämpfte mit dem Gefühl, auf Watte zu gehen. Oder auf Scherben. Die weiße Gestalt beunruhigte sie. Sie kam ihr vor wie ein Bote mit schlechten Nachrichten.
Das Zeichen an der Wand.
Zeus hob das Bein am großen Wegstein vor dem Traiteurshaus, das war ein feststehendes Ritual. Das Traiteurshaus lag direkt an der Schloßmauer, vor dem Tor zum Hof; hier wohnte einst der Koch, der, wenn man nach Pracht und Größe des Hauses ging, etwas dargestellt haben mußte im gräflichen Haushalt. Katalina schaute hoch zu den Fenstern im ersten Stock und bildete sich ein, das weiße Licht des Computerbildschirms zu sehen. Sie klingelte nicht. Früher wäre Moritz längst heruntergekommen, um Zeus und sie beim Morgenspaziergang zu begleiten. Aber seit Wochen schon saß er von morgens bis abends vor dem Computer und forschte in den Weiten des Netzes nach seiner seit Jahrzehnten verschollenen Mutter. Als ob ein Mann in den besten Jahren nicht auch noch anderes im Kopf haben sollte.
Mich, zum Beispiel, dachte sie. Aber vielleicht hatte er längst genug von der Beziehung zu einer Tierärztin mit Neigung zu Schwermut?
Zeit zu gehen. Neue Stadt, neues Glück. Sie war schon viel zu lange hier und auch noch aus dem falschen Grund: ein Mann.
Katalina folgte Zeus durch das große Tor in den Schloßhof. Neben Bergen von Sand und Kies blitzte die neue orangefarbene Mischmaschine. Der rechte Flügel des hufeisenförmig angelegten Barockbaus, der Gartentrakt, leuchtete frisch verputzt in warmen Ockertönen, frisch gestrichen waren auch die Rahmen der bodentiefen Fenster. Aus der Kapelle gegenüber wehte ein kühler Hauch. Nasses Mauerwerk. Der Putz, den man drinnen abgeschlagen hatte, wartete draußen neben dem Dixiklo auf den Abtransport. Es mußte jahrelang hineingeregnet haben in die Familienkapelle, die Bücher aus der Bibliothek im ersten Stock hatte man wegwerfen müssen.
Katalina war der Geruch vertraut. Nichts konnte ihn auslöschen. Sie war mit ihm aufgewachsen, im Bauernhaus der Großeltern bei Glogovac. Wie armselig das Häuschen gewesen war, sah man an dem kümmerlichen Schutthaufen, den eine Panzerfaust an einem Frühjahrsmorgen daraus gemacht hatte. Aber über dem Geröll aus Steinen, Mörtel und Holz schwebte noch immer der Geruch nach Schimmel in den Wänden – obwohl keine einzige Wand mehr stand.
Auch das war etwas, das sich gegen das Vergessensträubte , obwohl es zu den Erinnerungen gehörte, auf die sie keinen Wert legte.
Katalina hob den Blick. Die Uhr am Turm stand noch immer auf halb sechs, und die Statuen auf dem Sims darunter sahen grau und gebrechlich aus. Doch es war nicht zu übersehen: die Rettung von Schloß Blanckenburg hatte Fortschritte gemacht. Ein Wunder, denn seine beiden Bewohner hatten bereits ihr ganzes Vermögen in den alten Kasten gesteckt, und die Banken weigerten sich, weitere Millionen bereitzustellen. Schließlich wollte man wissen, was aus dem Wahrzeichen des Städtchens einmal werden sollte – Heimatmuseum? Hotel? Denkmal? Oder wirklich nur der Altersruhesitz zweier einsamer Männer, beide ohne Erben und ohne Aussicht auf welche?
Katalina dachte an Glogovac. Sie hatten zu viert mit zwei Ziegen, vier Schweinen und einem Pferd auf 60 Quadratmetern gehaust und sich wohlhabend gefühlt. Auf Schloß Blanckenburg im Ostharz, einst herrschaftlicher Sitz einer Familie mit Geschichte und Geschmack, einem barocken Koloß mit großzügigen Zimmerfluchten und zahllosen Dienstbotenkammern, hockten zwei Sonderlinge, die, wenn es so weiterging, im nächsten Winter das Heizöl nicht mehr bezahlen konnten: Gregor von Hartenfels, ein alter Mann, der keine Erben hinterließ, außer diesem auch nicht mehr ganz jungen Mann, Moritz von Hartenfels, den der Graf aus Dankbarkeit adoptiert hatte.
Katalina hob das Gesicht in die Morgensonne. Im Turmflügel des Schlosses rührte sich nichts, nur ein halbes Dutzend Pfauen ordnete sich auf der Freitreppe gelangweilt die Federn. Den alten Grafen würde man vor Mittag nicht zu sehen bekommen, er war kein Frühaufsteher.
Sie kehrte dem Schloßhof den Rücken, blickte noch einmal zum ersten Stock des Traiteurshauses hoch und ging an der Schloßmauer entlang zum Kutscherhaus im unteren Teil des Parks. Hier wohnte sie, schon seit fast drei Jahren. Eigentlich hatte das eine vorübergehende Lösung sein sollen, aber sie war noch immer hier. Das Haus hatte eine Runderneuerung so dringend nötig wie das Schloß, aber das störte sie nicht. Dann mußte man auch nicht renovieren, wenn man wieder auszog, was täglich näherrückte.
Katalina holte den Hausschlüssel aus der Hosentasche und sah sich nach Zeus um. Aber der Hund war ihr nicht gefolgt, sondern stand wie gebannt am Wegesrand, die Rute waagerecht nach hinten gestreckt, die Ohren aufgestellt, soweit das möglich war mit diesen unmöglichen Schlappohren, die Nase witternd in der Luft, bereit zum Sprung. Gleich würde er losschnellen und die Maus zu fassen kriegen oder was immer er da belauerte.
Vor ihrem inneren Auge tauchte für einen Moment Anubis auf, der schakalköpfige Gott. Ihr war, als grinste er.
Zeus sprang nicht. Er gab einen Laut von sich, der ihr in den Magen fuhr, einen Urlaut aus Verwirrung und Schmerz. Mit gespannter Aufmerksamkeit starrte er in das Gebüsch, bis sie zurück kam und ihn am Halsband packte. Er bewegte den Schwanz, jedoch nicht freudig, eher so, als ob er ihre Anteilnahme zu schätzen wisse.
„Ruhig“, sagte sie. „Es ist nichts.“
Es ist nichts. Sieh nicht hin. Geh weiter.
Aber da war was, und sie mußte hinsehen. Zeus winselte, als sie ihn zurückließ und in das Unterholz am Wegesrand vordrang . Zweige knackten unter ihren Schritten. Die Vögel waren still, und kein Blatt an den Bäumen über ihr bewegten sich .
Der Schuh. Als erstes sah sie den Schuh, einen hellbraunen Halbschuh. Der Schuh war weder elegant noch sportlich, so etwas trugen Leute, denen nicht wichtig war, was sie an den Füßen hatten. Dazu dunkelblaue Socken, so kurz, daß man das Bein sehen konnte – ein nicht sehr kräftiges Männerbein, behaart und von einer Farbe, die in diesem Sommer selten geworden war: blaß. Das andere Bein war leicht angewinkelt, das Hosenbein hochgeschoben.
Katalina versuchte zu schlucken, aber die Zunge klebte ihr am Gaumen. In ihrem Magen krümmte sich etwas zusammen und schlug mit den Flügeln wie ein dunkler Nachtvogel.
Die Schuhe. Die Socken. Die Jeans. Der beigefarbene Blouson, unter dem man ein blaues Hemd erkennen konnte. Katalinas Blick heftete sich an den Leberfleck unterhalb des Kehlkopfs des Mannes, irgend etwas fiel ihr auf , aber sie bekam den Gedanken nicht zu fassen.
Du willst es nicht wissen, flüsterte es in ihr. Aber du weißt, was du gleich sehen wirst.
Sie ließ den Blick weiterwandern. Natürlich, sie erkannte ihn sofort. Bartlos, käsige Haut, sandiges, dünn gewordenes Haar, alles so blaß wie der ganze Mann. Und blaue Augen, daran erinnerte sie sich, denn sehen konnte man die Augenfarbe nicht, obwohl das linke Auge offenstand. Auf der stumpf gewordenen Pupille hockte eine grünschillernde Fliege.
Die Fliegen. Schwärme giftig schillernder, bösartig schnarrender Fliegen. Ganze Wolken von Fliegen, die sich erhoben, wenn man näher kam und die wie UFOs in der Luft standen, ungehalten, weil man sie hinderte, auf ihren Festplatz zurückzukehren, auf dem sie Orgien feierten, fraßen, sich begatteten, Eier legten. Und die sich herabsenkten wie ein Sargdeckel, wenn man ihnen das Feld wieder überließ.
Katalina versuchte, das bissige Tier zurückzudrängen, das ihr die Kehle hochsteigen wollte. Sie hatte viel zu oft die Maden wimmeln gesehen auf abgerissenen Gliedmaßen, zerfetzten Leibern, aufgeplatzten Schädeln, auf irgendeinem Stück Fleisch, das einmal zu einem Menschen gehört hatte.
Er ist tot, er braucht keine Erste Hilfe mehr, laß ihn liegen, flüsterte es in ihr. Dennoch zwängte sie sich weiter vor durchs Gestrüpp. Die Fliege auf dem Auge des Mannes erhob sich, ärgerlich summend. Katalina unterdrückte einen Aufschrei. Sie streckte die Hand aus, um an der Halsschlagader nach dem Puls zu tasten. Ihr Blick wich den toten Augen aus, heftete sich wieder an das Muttermal unter dem Kehlkopf, etwas irritierte sie, der Kopf des Mannes war nach hinten gebogen, zu weit nach hinten. Aber äußere Verletzungen waren nicht zu erkennen und tot war er ohne Zweifel. Dennoch faßte sie den leblosen Mann an den Unterkiefer. Kein Zeichen von Totenstarre. Natürlich nicht. Ihr Herzschlag stolperte. Der Mann war noch warm.
Sie trat zwei Schritt zurück, mitten in eine Brombeerhecke. Das wütende Tier in ihrer Kehle strampelte mit spitzen Krallen nach oben. Ihre Hand suchte Halt und faßte in die Brombeerranken. Der Schmerz lenkte sie ab von dem Wunsch, sich zu übergeben.
Alles in ihr wollte weg von hier, ihr Magen, ihr Herz, das Gedärm – nicht nur aus Ekel und Angst, nein: es war einfach nicht gut, bei einer Leiche angetroffen zu werden, das saß ganz fest und ganz tief innen drin. Sie tastete nach dem Mobiltelefon in ihrer Hosentasche. Nein, es war ebensowenig gut, die Polizei anzurufen – auch das hatte sie noch nicht verlernt, selbst nicht nach fünfzehn friedlichen Jahren. Es war am besten, nichts zu sehen, zu hören, zu wissen, zu sagen, schon gar nicht, daß sie den Mann kannte.
Er war gestern in der Praxis erschienen, hatte inmitten der Hunde-, Katzen- und Kanarienvogelbesitzer gesessen, die ihre Tiere in Käfigen und Körben auf den Knien hielten, hatte nichts im Schoß gehabt außer gefalteten Händen. Der Mann hatte abgewunken, als sie ihn ins Sprechzimmer bitten wollte, und einem Kind mit Hamster den Vortritt gelassen. Und als er endlich an der Reihe war...
„Pferde oder Rinder?“ hatte sie gefragt, als er vor ihr saß, sehr höflich und sehr schüchtern.
„Wie bitte?“ Der Mann, der sich als Frank Beyer vorgestellt hatte, wirkte unsicher wie ein Schuljunge.
Sie hatte ihn angelächelt, um ihn zu ermutigen. „Sie kommen in meine Praxis ohne Schoßtier auf dem Arm – da stellt sich natürlich die Frage...“
„Natürlich.“ Er zögerte. „Es geht um einen – Hund.“ Bei diesem Wort verzog sich sein Gesicht, als ob er mit der Zunge nach einem Loch im Zahn suchte.
„Und – was ist los mit dem Tier?“
Frank Beyer rutschte auf dem Stuhl nach vorn und dann wieder nach hinten. „Es handelt sich um einen Blindenhund.“
Ein Blindenhund ist kostbar. Teuer in der Ausbildung, unersetzlich für seinen Besitzer.
„Wo ist das Tier?“
„Das weiß ich nicht.“ Wenn sein Lächeln nicht so unendlich hilflos gewesen wäre, hätte sie ihn rausgeschmissen. „Ich suche ja danach – nach einen Blindenhund.“
„Da sind Sie hier falsch.“ Für so etwas war der Blindenbund zuständig, nahm sie an. Oder die Krankenkasse.
„Nein, nein.“ Er griff in die Brusttasche seines Hemdes und hielt ihr eine Karte hin. Detektei Hermes. Darunter eine Mobiltelefonnummer. „Wenn jemand mit einem Blindenhund in Ihre Praxis kommt... würden Sie mich bitte anrufen? Oder dieser Person meine Karte geben?“ Dann hatte er sich vorgebeugt, „Es geht um Leben oder Tod" geflüstert und die Augen aufgerissen dabei.
„Natürlich“, hatte sie beruhigend gesagt. „Da machen Sie sich mal keine Sorgen.“ Hatte ihn dann höflich hinausbegleitet, er war der letzte gewesen vor der Mittagspause. Ein Spinner. "Leben oder Tod." Was für ein Unsinn. Aber jetzt lag er hier, und für ihn selbst hatte sich die Alternative erledigt. Und sie – sie hatte Angst.
Es ist nicht dein erster Toter, also stell dich nicht so an, sagte sie sich streng.
Natürlich nicht. Aber...
An der Praxistür hatte er sich umgedreht und sie gefragt, woher sie stamme. „Aus Bosnien." Als ob ihn das etwas anginge.
„Natürlich!“ Er hatte sie angestrahlt, als ob er beim Preisausschreiben gewonnen hätte. Und dann hatte er etwas gesagt, das so harmlos war, daß sie ihre Erschütterung noch jetzt nicht begriff.
„Vielleicht sogar aus – Mostar?“
Aus Glogovac, wollte sie sagen. Aber sie hatte kein Wort herausbekommen.
Wie in Trance kämpfte Katalina sich durch das Brombeergestrüpp zurück. Der Mann mußte etwas in ihrem Gesicht gelesen haben, jedenfalls hatte er sich entschuldigt, bevor er ging.
Mit fliegendem Atem stand sie endlich wieder auf dem Weg, die Arme blutig, an den Hosen Brombeerranken und Blätter. Zeus gab einen leisen Jammerlaut von sich, als ob er wüßte, daß es sich nicht gehört, wenn Männer tot im Gebüsch liegen. Katalina streichelte seinen Kopf und redete beruhigend auf ihn ein. Dann leinte sie ihn an auf den letzten paar Metern zum Kutscherhaus.
Die weiße Frau mit dem schwarzen Hund. Anubis, der Schakal. Der Gott der Toten. Das war ein Zeichen gewesen, ganz gewiß. Ihre vernünftige Seite protestierte, aber ihre dunkle Seite wußte es besser. Es war ein Zeichen. Der Mann von der Detektei Hermes hatte jemanden mit einem Blindenhund gesucht, und nun war er tot. Und er war noch nicht lange tot gewesen, als sie ihn fand – höchstens seit einer Viertelstunde. Kurz nachdem ihr ein Blindenhund begegnet war. Ob die weiße Frau... konnte ein blinder Mensch einen normal und gesund wirkenden Mann umbringen? Plötzlich hielt sie alles für möglich.
Und dann fiel ihr etwas ein, das sie in ihrer Panik vergessen hatte. Über dem Toten schwebte ein merkwürdiger Geruch, fast wie ein schweres Parfum. Der Tote roch nach Frühlingsblumen.
Genauer gesagt: er roch nach Moder und Narzissen.
Ihre Hand mit dem Schlüsselbund zitterte. Sie drückte die Stirn an das kühle Holz der Tür zum Kutscherhaus und versuchte, tief und ruhig zu atmen. Zeus wartete geduldig.
Mostar, dachte sie. Verflucht sei diese Stadt.
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