Über Val McDermid und Gilbert Adair
 
Es gibt sie, die treuen Fans, die Fluch und Segen zugleich sind für ihre Lieblingsautoren. Sie mögen keine Experimente, sie lesen am liebsten stets das gleiche und sie können ziemlich zicken, wenn ihr Autor fremde Wege geht. Andere Leser wiederum kriegen nicht genug von den Regelverletzern, Ironikern und Risikofreudigen, die von der Kritik bejubelt werden, aber selten Bestseller liefern. 
Ich bekenne mich zu einer dritten Kategorie: ich bewundere Wolf Haas, schätze Norbert Horst, zolle David Pearce Respekt – aber manchmal ist mir nach einem Buch, in dem man eine Weile leben kann, um es danach mehr oder weniger zu vergessen.
Zum Beispiel „Das Moor des Vergessens“ von Val McDermid. Die Autorin variiert gern ihre Themen und hat Werke von exquisiter Brutalität verfaßt – nicht jedermanns Fall. Im „Moor“ geht es beschaulicher zu.
Der Plot ist vertraut und bewährt: junge Wissenschaftlerin geht auf die Suche nach einem verschollenen Manuskript. Sein Fund wäre in gleich zweierlei Hinsicht sensationell: es könnte sich nämlich um die Lebensgeschichte von Fletcher Christian handeln, dem Anführer der Meuterei auf der Bounty, die, zweitens, kein geringerer aufgeschrieben hätte als Großbritanniens Nationaldichter William Wordsworth, dessen Jugendfreund Fletcher Christian war. Einem populären Gerücht im Lake Distrikt zufolge ist der Meuterer unerkannt in seine nordenglische Heimat zurückgekehrt und dort gestorben.
Der Fund einer Moorleiche gibt dem Gerücht neue Nahrung: Der gut erhaltene Leichnam, den ein Unwetter aus dem Torf spült, ist auf auffällige Weise tätowiert, Muster, die aus der Südsee bekannt sind. Ihre Suche führt die junge Literaturwissenschaftlerin zurück in den kleinen Ort, in dem ihre Eltern leben. Doch wo auch immer sie nachfragt, sterben eine nach der anderen die möglichen Erben des vielleicht existierenden und in diesem Fall überaus kostbaren Manuskripts.
Val McDermid kostet die Geschichte aus und liefert uns nebenbei eine glaubhafte Nacherzählung der Abenteuer des Fletcher Christian von der Hand William Wordsworth. Die Auflösung des Falls ist nicht überraschend und der Stil der Autorin mutet dem Leser wenig Anstrengung zu. Manchmal braucht man genau das.
Ganz anders und doch ähnlich funktioniert Gilbert Adairs Persiflage auf Agatha Christie, „Mord auf ffolkes Manor“, ein Buch, das sich „eine Art Kriminalroman“ nennt. Hier ist alles versammelt, was Freunde des konventionellen britischen Krimis lieben und seine Kritiker verachten: ein verschneites Herrenhaus am Rande des Dartmoors, ein britischer Colonel, eine exzentrische Krimiautorin, ein pensionierter Polizeiinspektor – und Weihnachten im Jahr 1935 ist es auch noch. Da trifft es sich gut, daß im von innen verschlossenen Dachzimmer der gründlich verachtete Raymond Gentry liegt, mit einem sauberen Einschußloch im Herzen.
Adair variiert nicht nur klassische Motive des Landhauskrimis, auch die Auflösung des Falls greift ein klassisches Muster auf: der Mord, der ermittelt wird, dient lediglich dem Verdecken eines anderen Mordes, um den es dem Täter eigentlich ging.
Das Buch ist bis auf ein paar Kleinigkeiten vergnüglich zu lesen – warum nur beglückt uns ausgerechnet ein Übersetzer wie der Schriftsteller Jochen Schimmang mit Superlativen wie „vielversprechendst“? Und ist ein Mensch eine „Fälschung“ oder nicht vielmehr „unecht“? Aber man kann es guten Gewissens einem Menschen schenken, der einen Krimi bislang nur mit spitzen Fingern angefaßt hat: hier kann er sich mithilfe einer Parodie über das Genre erheben und zugleich eine Ahnung davon bekommen, warum soviele Menschen es gerne lesen.
 Val McDermid, Das Moor des Vergessens und Gilbert Adair, Mord auf ffolkes Manor